Bevor die Mord- und Raubserie der Rechtsterroristen bekannt wurde, hätte Heiko Gentzel wahrscheinlich gesagt, dass ihn nichts mehr erschüttern kann. Zu viel hat er in 21 Jahren als Innenpolitiker in Thüringen erlebt. Da gab es Massenproteste gegen Gebietsreform und Kommunalabgaben, diverse Skandale beim Verfassungsschutz und – im April 2002 – das Massaker am Erfurter Gutenberg-Gymnasium. Acht Innenminister hat der kleine Freistaat schon verschlissen. Amtsinhaber Nummer neun, der Jurist Jörg Geibert (CDU), hat nun einen schier unglaublichen Vorgang aufzuklären: Das Versagen der Behörden bei der Verfolgung der mutmaßlichen Rechtsterroristen, die in Jena abtauchten und denen inzwischen zehn Morde sowie mehr als ein Dutzend Banküberfälle zur Last gelegt werden.

"Das haut einen um", stöhnt SPD-Mann Gentzel in seinem schmalen Büro im Landtag. Sein Innenleben gleicht dem nach dem Gutenberg-Massenmord. "Da ist diese Erschrockenheit, man fühlt sich schlecht und weiß nicht, wie damit umgehen soll." Was für ihn anders ist, ist das Ausmaß der Verbrechen. Damals ging es um einen Einzeltäter, heute um ein rechtsextremes Netzwerk.

Für Gentzel ist es "vollkommen unfassbar", dass Menschen zu so etwas fähig sind. Aber fast noch schlimmer ist, dass auch sein Vertrauen in die Sicherheitsbehörden kaputt gegangen sei. Wenn er derzeit Beamte vom Landeskriminalamt oder vom Verfassungsschutz befragt, dann ertappt er sich bei dem Gedanken, denen erst einmal überhaupt nichts mehr zu glauben. Die Menschen im Land sehen es wohl genauso. "Das geht an die Grundfesten", sagt er.

"Keine rechtmäßig klare Kontrolle des Verfassungsschutzes"

Am Wochenende besuchte er seinen Kollegen Wolfgang Fiedler von der CDU, der gerade 60 geworden ist. In der Parlamentarischen Kontrollkommission stehen sie seit Jahren gemeinsam dem Verfassungsschutz und den jeweiligen Innenministern auf den Füßen. Schon früher hat Gentzel geschimpft, dass es in Thüringen "keine rechtmäßig klare Kontrolle des Verfassungsschutzes" gebe. Aber bei der Geburtstagsfeier von Fiedler waren sie sich einig, dass sie so etwas wie jetzt noch nie erlebt haben.

Es gibt Fragen über Fragen. So war einer aus der mutmaßlichen Terror-Gruppe, Uwe Böhnhardt, bereits 1997 rechtskräftig zu einer Haftstrafe verurteilt worden, doch ins Gefängnis kam er nicht. Warum? Anfang 1998 wurden bei den Neonazis in Jena scharfe Rohrbomben und 1,4 Kilogramm TNT-Sprengstoff gefunden. Böhnhardt tauchte daraufhin mit Uwe Mundlos und Beate Z. ab. Der Thüringer Verfassungsschutz, der Spitzeln in der rechtsextremen Szene viel Geld zahlte, bekam sie angeblich nicht mehr ins Visier.

Fünf Jahre lang blieb die Fahndung erfolglos. Dann waren die Straftaten verjährt. Den Verdacht einer terroristischen Vereinigung sah die zuständige Staatsanwaltschaft Gera nicht. Bis vor knapp zwei Wochen blieb die von Zwickau in Sachsen aus operierende Terrorgruppe unentdeckt. Für den Oppositionsführer im Thüringer Landtag, den Linken-Politiker Bodo Ramelow, stellt sich die Frage, ob es bei den Sicherheitsbehörden in Bund und Ländern "nur Schlamperei oder eine willentliche Mitwisserschaft" gab. Zu einfach sei es, das Versagen lediglich auf Thüringen zu reduzieren.