Frank Schäffler ist an diesem Abend auch ein Dresscode-Rebell. Sein auffallendes, ockerfarbenes Sakko und die schokobraune Krawatte heben ihn ab von den tiefschwarzen Einheitsanzügen seiner Parteikollegen. Schäffler schaut stolz in den kleinen Tagungsraum der Berliner Landes-FDP: Die Menschen drängen sich, einige müssen stehen, weil es nicht genügend Stühle gibt. Alle sind sie gekommen, um ihn zu hören. Sie wollen eine Antwort finden auf die Gretchenfrage der Liberalen: Wie hältst Du es mit der Euro-Rettung ?

Schäffler, Finanzexperte der Bundestagsfraktion, hat seine Antwort schon lange gefunden: Die milliardenschweren Rettungsschirme für notleidende Mitgliedsstaaten setzen "das Urprinzip der Marktwirtschaft" außer Kraft, nämlich, dass jeder Geschäftsmann auch für seine Schulden einstehen müsse. Deswegen muss die FDP "unbefristete Rettungsmaßnahmen" ablehnen – und damit auch den permanenten Rettungsschirm ESM

In der FDP-Führung geht die Angst um

Schäffler hat seine Sicht der Dinge aufgeschrieben, als er den Mitgliederentscheid über den ESM auf den Weg brachte. Jetzt wird tatsächlich jedes der rund 65.000 FDP-Mitglieder nach seiner Meinung zur Euro-Rettung gefragt. Fünf Wochen haben sie Zeit für ihre Briefwahl. Setzt Schäffler sich durch, dürfte die FDP aus der Regierung fliegen. Sie müsste sich fragen lassen, ob sie noch Europa-Partei ist.

Philipp Rösler und seine Anhänger gehen daher seit kurzem in die Offensive. Kein Tag vergeht ohne Interview eines Führungsmitglieds zur Euro-Krise, der Parteitag am kommenden Wochenende wurde kurzfristig umgewidmet: Statt über das neue Programm der Liberalen will man jetzt über den Euro reden. Die Parteiführung hat ein staatstragendes Gegenpapier zum Mitgliederentscheid aufgesetzt : "Die FDP ist der Garant für den konsequenten Weg in eine europäische Stabilitätsunion mit Werten, Regeln und Sanktionen." Der ESM sei wichtig, nicht nur für die Schuldenstaaten, sondern auch für die deutsche Wirtschaft.

Schäfflers Wahrheiten kommen in deftigen Sätzen daher

Über beide Papiere soll an diesem Abend diskutiert werden. Schäfflers Eingangsrede wird mit lautem Klatschen bedacht. Ihm gegenüber sitzt Parteivorstand Johannes Vogel, der die Linie der FDP-Führung vertritt. 200 solcher Veranstaltungen in ganz Deutschland soll es in den kommenden Wochen geben. Gelebte Demokratie nennt Philipp Rösler das. Doch wenn es nach ihm ginge, hätte es diese öffentlichen Diskussionen mit den Euro-Rebellen nie gegeben. An diesem Abend in Berlin ist schnell klar, wieso.

Schäffler formuliert in deftigen Sätzen: "Wir können das Schuldenproblem nicht unbegrenzt durch noch mehr Schulden lösen." Die Euro-Rettungsmaßnahmen seien Hinterzimmer-Entscheidungen, die durch übertriebene Horrorszenarien von den Mitgliedsstaaten erpresst würden. Die Rettungsfonds würden bis zum Platzen gehebelt. Wer wisse denn noch, ruft Schäffler, für wie viel Geld Deutschland wirklich gerade stehe? Viele im Raum nicken da zustimmend. Schäffler bemüht sogar eine Redewendung der Linken: "Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert."

Am Ende – Schäffler wechselt jetzt in ein bedrohliches Flüstern – werde der neue EZB-Chef die Gelddruckmaschine anschmeißen müssen: "Draghi wird drrrucken, drrrucken, drrrucken", gurgelt Schäffler mit großen Augen. Futsch sei dann das Sparvermögen des kleinen Deutschen. Nein, es gebe nur eine Lösung: Man müsse Staaten wie Griechenland aus der Euro-Zone "heraushelfen". Szenenapplaus.