Den meisten Applaus bekommt Christian Lindner bei seiner Parteitagsrede, als er gegen die Politik der Grünen wettert. Die Grünen , so Lindner, die wollten immer alles regulieren: Die Sanierungsabsichten von Berliner Vermietern, die Schulbildung. "Ich will mir nicht vorschreiben lassen, wie ich lebe, was ich einkaufe", ruft der FDP-Generalsekretär in den Raum: "Wir brauchen keinen Staat, der unsere Freiheit gefährdet, sondern einen, der sie verteidigt."

Es ist das Lebensmotto der Liberalen, entsprechend laut wird Lindner beklatscht. Seine Rede war als Zwischenbericht zur Arbeit am neuen Grundsatzprogramm der Partei angekündigt worden. Doch der 32-Jährige bleibt sehr allgemein: Der politische Liberalismus sei für ihn ein Dreieck – aus sozialer Marktwirtschaft, Rechtsstaatlichkeit und dem Einsatz für eine offene Gesellschaft. An diesem Dreieck werde sich das neue Programm entlang spinnen. Und das sei aus "nachvollziehbaren" Gründen noch nicht so weit, wie geplant, sagte Lindner,

Tatsächlich hängt die Programmdiskussion um Monate hinterher. Eigentlich wollte die FDP auf diesem Sonderparteitag den Entwurf für ihr neues Grundsatzprogramm diskutieren. Nur deshalb war das Delegiertentreffen einberufen worden. Doch das Papier ist noch nicht mal geschrieben. Lindners Prestigeprojekt liegt auf Eis.

Dabei arbeitet der Generalsekretär schon mehr als ein Jahr daran, seine Partei mitfühlender und lebensnaher zu gestalten. Schließlich beruft sich die FDP programmatisch immer noch auf die Wiesbadener Grundsätze von 1997 , die für unbedingte wirtschaftliche Freiheit und Staatsferne plädieren. Die Liberalen forderten zum Beispiel "eine Obergrenze für die individuelle Höchstbesteuerung" in das Grundgesetz aufzunehmen.

Die FDP will mehr sein als eine Steuersenkungspartei

14 Jahre später will die FDP endlich mehr sein, als eine Steuersenkungspartei. Doch Lindner, der Vorsitzende der 31-köpfigen Programmkommission, wird im Moment woanders gebraucht. Es gilt, die parteiinterne Euro-Debatte in die richtige Richtung zu lenken und das Profil der angeschlagenen FDP gegenüber dem Koalitionspartner und der Opposition zu schärfen. "In diesen Zeiten brauchen wir eher einen Wadenbeißer als Generalsekretär, keinen Schöngeist", formuliert es ein Vorstandsmitglied.

Das musste Lindner auch erfahren, als er im Herbst mehrere "Grundsatzwerkstätten" zum FDP-Programm abhielt. Dort sollte an ersten Thesen gefeilt werden. Doch die Basis hatte keine Lust, über "die ethischen Prinzipien Fairness und Verantwortung" zu reden. Sie maulten lieber wegen der Euro-Rettung und der miserablen Umfragewerte der Partei. In Leipzig fanden die Mitglieder außerdem, die Sprache der Thesen sei viel zu abgehoben und für niemanden verständlich .

"In der Tat müssen wir in unserem Programm klare Worte finden. Zum Beispiel, um den Menschen anschaulich zu erklären, dass Freiheit keine Selbstverständlichkeit ist", sagt Programmkommissions-Mitglied Christian Ahrendt. Der parlamentarische Geschäftsführer der Bundestagsfraktion wirkt sehr nachdenklich. "Es liegt noch viel Arbeit vor uns".