Wenn man in diesen Tagen Karl-Josef Laumann treffen will, Ex-Landesminister und Mitglied im Bundesvorstand der CDU, dann lädt er in einen kleinen Gasthof am Rande der münsterländischen Kleinstadt Ibbenbüren. Zierdecken liegen auf braunen Holztischen, die Speisekarte preist den Ibbenbürerner Hochzeitsschmaus an und das Bauernfrühstück für 7,90 Euro. Der Chef hier war mal Laumanns Vize im örtlichen CDU-Kreisverband, Laumanns Haus steht keine acht Kilometer entfernt, zwischen Feldern und Wiesen.

Geographisch gibt es kaum einen Winkel in NRW, der weiter von der Landeshauptstadt Düsseldorf entfernt ist, und atmosphärisch könnte der Unterschied kaum größer sein zwischen dieser bäuerlich geprägten Provinz und dem Polit-Betrieb in Berlin, wo er, Karl-Josef Laumann, gerade den vielleicht größten Erfolg seiner langen Karriere feiern kann. "Ich bin sehr zufrieden mit den jüngsten Entwicklungen ", sagt Laumann bescheiden, in einer Ecke im dunklen Gastraum des Ibbenbürener Hotels, und gießt Kaffee aus dem Kännchen nach.

Die "jüngsten Entwicklungen" – eine heillose Untertreibung. Gemeint ist damit, dass seine Partei neuerdings mit flächendeckenden Mindestlöhnen liebäugelt. Noch vor wenigen Monaten undenkbar, werden die Delegierten auf dem Parteitag Mitte des Monats in Leipzig über einen Entwurf abstimmen, der alle Branchen zur Festlegung einer Lohnuntergrenze zwingen würde. Jahrelang kämpfte Laumann für dieses Projekt. Jetzt ist er fast am Ziel. Kanzlerin Angela Merkel ist inzwischen ebenso dafür wie Arbeitsministerin Ursula von der Leyen.

Das soziale Gewissen der CDU

Was manche als "Sozialdemokratisierung" oder "Entkernung" der CDU wahrnehmen, ist aus Sicht von Karl-Josef Laumann nur folgerichtig: "Parteien müssen sich an gesellschaftliche Entwicklungen anpassen, gerade wenn sie Volksparteien bleiben wollen." Und in den vergangenen dreißig Jahren hätten Arbeitgeber und Arbeitnehmer nun einmal zunehmend darin versagt, faire Löhne festzulegen. "Ich kann einfach nicht verstehen, dass Menschen, die vernünftig arbeiten, davon nicht leben können, auf keinen grünen Zweig kommen.", sagt Laumann, "das widerspricht meinem Menschenbild."

Karl-Josef Laumann ist so etwas wie das soziale Gewissen der CDU. Als Bundesvorsitzender der christlich-demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA) in der Union steht er für den Arbeitnehmerflügel in der Partei, der lange Zeit ziemlich bedeutungslos war. Seit Laumanns Amtsantritt 2005 hat sich das massiv geändert. Das liegt auch daran, dass der heute 54-jährige wie kaum ein anderer geeignet ist, diejenigen zu repräsentieren, die keinen Uni-Abschluss haben, die auf dem Land und nicht in den Metropolen leben, und die noch regelmäßig in die Kirche gehen. Das sind an der CDU-Basis nicht wenige.

Laumann wuchs auf dem elterlichen Bauernhof auf, in einem sehr katholischen Milieu. "Meine Herkunft hat mich ganz stark geprägt", sagt er heute, "deshalb hänge ich sehr an meiner Heimat, deshalb ist mir Eigentum wichtig." Nach seinem Hauptschulabschluss lernte er Maschinenschlosser, wurde Mitglied in der IG Metall und dann in der CDU. Bis in die neunziger Jahre hinein war er als Betriebsrat tätig.

Die Tarifparteien sollen endlich wieder ihre Arbeit machen

Nach 15 Jahren im deutschen Bundestag war er von 2005 bis 2010 Arbeits- und Sozialminister in der NRW-Regierung von Jürgen Rüttgers. Die beiden bildeten ein höchst wirkungsvolles Gespann: Der Ministerpräsident preschte mit immer neuen sozialpolitischen Vorschlägen voran, sein Minister verlieh ihnen mit seiner Verwurzelung die nötige Glaubwürdigkeit. Ohne Karl-Josef Laumann hätte sich Jürgen Rüttgers im Arbeiter-Land NRW kaum als Erbe des Sozialdemokraten Johannes Rau inszenieren können. Laumann war es auch, der an vorderster Front für eine staatliche Opel-Rettung kämpfte. Heute ist er Fraktionschef und damit Oppositionsführer in Düsseldorf. In der Landespartei ist er das Gegengewicht zum eher intellektuellen Vorsitzenden Norbert Röttgen, der als Bundesumweltminister sowieso in Berlin beschäftigt ist.

Für den Mindestlohn kämpft Laumann aus Überzeugung: "Als ich 1973 meine Lehre begonnen habe, haben sich noch alle daran gehalten, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer die Löhne gemeinsam festlegen", sagt Laumann. "Seit Beginn der neunziger Jahre aber hat das stark nachgelassen." Deshalb sieht sein CDA-Vorschlag, über den die Delegierten in einer Woche beim Parteitag entscheiden werden, eine staatlich verordnete Mindestlohn-Kommission vor: Gewerkschafter und Arbeitgeber sollen durch die Politik quasi wieder an einen Tisch gezwungen werden, um wirklich wirksame Lohnuntergrenzen festzulegen. Die Tarifparteien sollen endlich wieder ihre Arbeit machen, so sieht das Laumann.