Claudia Roth weiß genau, was sie will. "Weg, weg, weg mit dieser FDP, weg mit dieser Regierung", ruft sie in ihrer gewohnt emotionalen Art. Deutschland und Europa brauchten keine Erpressung durch "Zuchtmeisterin" Angela Merkel, sondern eine große Idee. Die Antwort auf die vielen Krisen in der Welt sei eine grüne: eine soziale und eine ökologische, betont die Parteichefin in ihrer Auftaktrede zum Bundesparteitag der Grünen in Kiel am Freitagabend: "Ja, wir wollen 2013 an die Macht."

Hinter Roth prangt ein Banner mit dem Slogan des Delegiertentreffens: "Antwort Grün". Umrahmt ist der Schriftzug von ziemlich vielen Dingen: Der obligatorischen Sonnenblume, aber auch einer Europa-Flagge, einem Zug, ebenso einem Auto und einem Zahnrad sowie einem den Datenschutz anmahnenden Fingerabdruck zum Beispiel. Das Banner ist durchaus als Symbol für diesen "Arbeitsparteitag", wie ihn die Grünen-Spitze nennt, zu verstehen: Die Grünen wollen keine Ein-Themenpartei mehr sein, sondern auf alle Fragen des Lebens eine Antwort haben. Vor allem die Finanz- und Wirtschaftspolitik wird in Kiel im Mittelpunkt stehen.

Die Grünen wollten im Gegensatz zu Schwarz-Gelb einen "handlungsfähigen Staat", der sich dem Gemeinwohl verpflichte, sagt Roth. Das werde auch höhere Steuern für Vermögende bedeuten, um die Kosten der Schuldenkrise abzufedern. Über die Streitereien zwischen Linken und Realos in Berlin verliert die Grünen-Chefin kein Wort. Auch nicht über die Frage, wie die Grünen zu einem Bündnis mit der CDU auf Bundesebene stehen. Diese Diskussion ist bei der Parteiführung derzeit unerwünscht.

Die Delegierten scheinen friedlich gestimmt

Hintergrund ist das Negativbeispiel Berlin: Kandidatin Renate Künast schloss dort bekanntlich ein Zusammengehen mit der CDU nicht aus, holte am Ende ein enttäuschendes Ergebnis und nun zerfleischen sich die örtlichen Akteure gegenseitig . Im Bund fürchten die Grünen ein ähnliches Schicksal. Manch einer munkelt, in Kiel werde sich auch deswegen so viel mit Inhalten beschäftigt, um keinen Raum für eine mögliche Strategiedebatte zu bieten.

Doch auch die Delegierten scheinen friedlich gestimmt. Nach Roths Rede dürfen sie erstmals in Kleingruppen mit Vorstandsmitgliedern über Demokratie diskutieren. Mehr Basisbeteiligung , das ist der Hintergedanke. Die Workshops seien schon lange geplant, nicht erst seit die jungen, frechen, Direktdemokratischen den Berliner Landtag enterten, betont die grüne Geschäftsführerin Steffi Lemke etwas zu vehement.

Lemke hält einen Workshop zur "innerparteilichen Demokratie" ab, grundsätzlich wäre da viel Raum, um unkontrolliert zu motzen über die neue Bürgerlichkeit und Biederkeit der Grünen. Doch es bleibt ruhig.

Lediglich Astrid Schneider aus dem bei vielen Grünen inzwischen sehr unbeliebtem Berliner Landesverband versucht es. Sie schlägt vor, über "die Rolle der Flügel" in der Partei zu reden, schließlich habe man im Landtagswahlkampf zu sehr die politische Mitte gesucht und keine "authentischen grünen Inhalte vertreten." Lemke guckt etwas angesäuert, aber sie muss sich nicht weiter sorgen: Die übrigen rund 60 Teilnehmern stimmen sowieso dagegen.