Wer Realismus besaß unter den Gegnern von Stuttgart 21, Gedächtnis für vergangene politische Vorgänge, ein wenig Instinkt für das Wahrscheinliche, konnte nicht ernsthaft erwarten, dass am Sonntag das geforderte Stimmenquorum erreicht und das Bahnprojekt gekippt werden würde . Aber die Hoffnung, dass von der Volksabstimmung ein neues Signal des Widerstands und der besseren Vernunft, ein moralischer Impuls ausgehen würde, etwas, an dem die handelnden Verantwortlichen in der Bahnhofsfrage nicht einfach würden vorbeigehen können, diese Hoffnung lebte. Bis gestern um 21 Uhr.

Da, als auf Leinwänden in vielen Rathäusern des Landes das vorläufige amtliche Stimmenergebnis eingeblendet wurde, war es vorbei mit dem Glauben an den stillen Zorn einer schweigenden Mehrheit im Südweststaat, die bisher nur kein Ventil hatte, ihren Unmut zu zeigen. Es gibt diese Mehrheit nicht. Knapp 60 Prozent der Baden-Württemberger votierten für den Bahnhofsbau. Die Stimmenverteilung lässt an Deutlichkeit nichts übrig. Rechnereien, was geschehen wäre, wenn das Quorum hätte auf 20 Prozent absenkt werden können, wie es in diesem Jahr von der grün-roten Regierung im Landtag versucht worden war, erübrigen sich: Es hätte für die Gegner selbst dann bei Weitem nicht gereicht.

Auch dem grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, dessen Partei das Projekt ablehnt, blieb kein Herumreden mehr. "Wir werden dieses Ergebnis akzeptieren. Das wird die ganze Landesregierung machen", sagte er noch am Abend. Er fügte hinzu: "Ich trage daran schwer."

Sehnsucht nach dem Ende der Streitereien

Alle Zahlendeuter, die im Ergebnis des Volksentscheids noch etwas anderes sehen als das Übergewicht der Begeisterung gegenüber der Besorgnis, haben sicher recht: Ja, viele Wähler haben ganz einfach die Beschallung mit Fachfragen des Mineralwasserschutzes oder des Ampelwesens im Bahnverkehr satt; sie wollen Heiner Geißler nicht mehr hören, den Bahn-Technikvorstand Volker Kefer nicht mehr stundenlang im Fernsehen sehen, sie sehnen sich nach einem Ende der Streitereien.

Andere wiederum, gerade in den ländlichen Gegenden, dürften vor allem für einen ICE-Halt am Stuttgarter Flughafen gestimmt haben und nahmen dafür die mit dieser Maßnahme vertraglich verkoppelte Tieferlegung des Stuttgarter Hauptbahnhofs gern in Kauf. Und wieder andere, diesen Schluss lässt die Wahlbeteiligung von 48,3 Prozent zu, dürften sich von vornherein der Volksabstimmung verweigert haben, weil sie in ihr einen Akt von Scheindemokratie sahen, eine Hinzuziehung des Volkes zu einem Zeitpunkt, da fraglich ist, ob bereits getroffene Entscheidungen und festgezurrte Vertragsbindungen überhaupt noch revidierbar und lösbar sind.

Der Rückhalt der Fläche ist weg, er war offenbar nie da, aber am stärksten wurde am Sonntagabend der Widerstand in der baden-württembergischen Landeshauptstadt selbst geschwächt. 52,9 Prozent der Stuttgarter votierten für den Tiefbahnhof, das ist ein Schlag für das dortige Aktionsbündnis, das 2007 vergeblich ein innerstädtisches Bürgerbegehren anstrebte. Warum, fragten protestierende Stuttgarter seit eh und je, sollten Landsleute aus Schwäbisch Hall oder Konstanz über unseren Schlosspark abstimmen dürfen, unseren Hauptbahnhof, die Frage, ob wir über zehn Jahre hinweg in einer Großbaustelle leben?