Christian Wulff hat gesprochen. Er hat sich zerknirscht gezeigt wie kein Bundespräsident zuvor. Ob er sich damit gerettet hat? Ausgemacht ist das nicht. Dennoch taugt seine Erklärung vom Donnerstagnachmittag, einmal kurz innezuhalten und zu fragen: Was lehrt uns diese Affäre? Doch vor allem dies: Mit keinem Amt tut sich Deutschland so schwer wie mit dem des Bundespräsidenten.

Wie viel wurde in den vergangenen Tagen über die Moral geredet und geschrieben – und über die Würde des höchsten Amtes, die nun beschädigt sei. Das setzt sich fort am Freitag, dem Tag nach Wulffs Erklärung. Zum Beispiel Wolfgang Schäuble . Er sagt: "Wir haben ein hohes Interesse daran, dass das Amt des Bundespräsidenten unbeschädigt bleibt". Und schlussfolgert: "Daher halte ich ein gewisses Maß an Zurückhaltung für sinnvoll." Oder die Welt : "Die Beschädigung des höchsten Amtes im Staat (ist) das Letzte, was wir jetzt brauchen. Es ist aber beschädigt."

Woher kommt diese seltsame Auffassung, dass ein Amt beschädigt werden könnte? Und nicht einfach die Person, die es ausübt? Doch nur daher, dass dieses Amt mit archaischen Vorstellungen von Politik verbunden wird. Mit Überparteilichkeit, Intellektualität, geistiger Führung – die ganz große Nummer eben, die es selten gibt auf der Welt und noch seltener im Bundespräsidialamt.

Der Bundespräsident als moralischer Übervater

Ein merkwürdiger Zwiespalt hat sich aufgetan. Die einen, die Wulff weiterhin im Amt sehen wollen, halten seine Verfehlungen für zu klein angesichts der Größe des Jobs. Die anderen, die seinen Rücktritt fordern, betrachten sein Amt für zu bedeutsam, als dass es durch Urlaubs- und Einfamilienhausgeschichten in Verruf gebracht werden dürfte.

Beiden Ansichten gemein ist die Vorstellung, der Bundespräsident sei der moralische Übervater der Deutschen. Diese Überhöhung ist gefährlich, denn sie führt zwangsläufig zu Enttäuschung – jedenfalls, wenn nicht zufällig gerade ein Richard von Weizsäcker im Amt ist.

Wulff werde kein großer Bundespräsident mehr , heißt es seit seiner späten Vier-Minuten-Erklärung. Das mag stimmen. Bloß: Muss er das? Braucht Deutschland einen "großen Bundespräsidenten"? Und was ist das überhaupt: groß?

Im Grundgesetz ist davon keine Rede. Seine Erfinder wollten keinen "großen Bundespräsidenten". Sie wollten vielmehr einen Präsidenten, der möglichst wenig zu sagen hat. Denn während der Weimarer Jahre hatten sie erlebt, was ein Staatsoberhaupt mit zu viel Größe anrichten kann. Der Bundespräsident bekam also ein kleines Set an Aufgaben zugeteilt. Er sollte für den Notfall parat stehen und ansonsten bloß eines tun: repräsentieren.