ZEIT ONLINE: Ein zinsgünstiger Privatkredit und seine engen Verbindungen zu Geschäftsleuten in Niedersachsen haben Bundespräsident Christian Wulff in Bedrängnis gebracht. Wenn er Sie jetzt anrufen würde, um Ihre Hilfe zu bekommen: Was würden Sie dem Bundespräsidenten raten?

Pietro Nuvoloni: Wir würden natürlich versuchen, dem Bundespräsidenten zu helfen. Die Frage ist allerdings, ob der Anruf nicht ein bisschen spät käme.

ZEIT ONLINE: Weshalb?

Nuvoloni: In einer Krisensituation müssen bestimmte Fragen sofort beantwortet werden. Erstens muss geklärt werden, um was für eine Krise es sich handelt: Ist es eine schleichende oder akute Krise, die sofortiges Handeln erfordert. Zweites müssen die Fakten klar sein, was also genau passiert ist. Drittens müssen die Ursachen und die möglichen Folgen der Krise geklärt werden. Bei der Frage nach der richtigen Einschätzung der Krise hat Wulff einen ersten großen Fehler gemacht.

ZEIT ONLINE: Um was für eine Krise handelt es sich denn?

Nuvoloni: Es handelt sich um eine Krise, die durch das zögerliche Zugeben von Fakten befeuert wird. Wulff wird so stark kritisiert, weil der mögliche Missbrauch von Privilegien und die Nähe zu Unternehmern für seine Bewertung als ehemaliger Ministerpräsident und heutiger Bundespräsident eine zentrale Rolle spielt. Da hätte er die nötige Sensibilität entwickeln müssen: Wulff hätte 2010 im Niedersächsischen Landtag eine umfassende Antwort auf die Frage geben sollen, ob er geschäftliche Beziehungen zum Unternehmer Geerkens hatte. Seine Verneinung mag zwar juristisch formal korrekt sein, aber moralisch ist sie fragwürdig. Dieses Versäumnis kommt jetzt als Bumerang zurück.

ZEIT ONLINE: Sie haben den Unterschied zwischen einer schleichenden und einer akuten Krise angesprochen. Bei Wulff handelt es sich …

Nuvoloni: …um eine akute Krise, weil sie von Medien hochgepuscht wurde. Aber die Medien üben in einem solchen Fall völlig zu Recht eine Aufklärungsfunktion aus. Der Bundespräsident muss als Mensch mit Vorbildcharakter sensibel und empathisch sein für Stimmungen im Volk; er muss bohrende Fragen der Medien ertragen, auch wenn sie von einer Boulevardzeitung gestellt werden; und er muss valide und glaubwürdige Antworten darauf haben. Da ist Wulff der zweite Fehler passiert: Zunächst hat er gar nicht reagiert, dann ein wenig und schließlich hat er erst Einsicht in Darlehnsvertrag und Urlaubsliste gewährt. Da hatten Gerüchte und Spekulationen ihn in den Medien schon zum Getriebenen gemacht.

ZEIT ONLINE: Was also waren Wulffs Fehler im Umgang mit den Vorwürfen?

Nuvoloni: Erstens eine falsche Einschätzung der Folgen. Zweitens ein unentschlossenes und zu spätes Handeln – eine vernünftige Krisenkommunikation fordert immer eine gründliche Aufklärung und dann ein entschiedenes und zeitnahes Handeln. Diese beiden Fehler bereiten ihm nun große Probleme, weil es um seine Reputation und seine Glaubwürdigkeit geht. Es ist eine Lawine ins Rollen gekommen, die an Wucht zugenommen hat, weil Wulff nicht rechtzeitig glaubwürdige, nachvollziehbare und vollständige Antworten gegeben hat.

ZEIT ONLINE: Wie hätte der Bundespräsident die Auslösung dieser Lawine verhindern können?