Lindners Rückzug bringt nun jene Dynamik in die Personalkonstellation, die Rösler fürchten muss. An diesem Freitag bereits trifft der FDP-Vorstand zusammen. Gut möglich, dass das eigentliche Thema, der Mitgliederentscheid als Randaspekt abgehandelt wird – und die liberalen Spitzenleute über das offen reden, worüber sie bis dato nur leise tuscheln: über das Problem Rösler . Nach Lindners Rückzug scheinen auch Röslers Tage gezählt.

Einem erzwungenen Personalwechsel an der Spitze muss eine politische Richtungsänderung folgen, sonst fragen Wähler wie Parteifreunde früher oder später: Warum das alles? Warum musste der eine gehen, warum durfte der andere kommen? Auf die Warum-Frage hat Rösler auch sieben Monate nach seinem Amtsantritt keine Antwort gegeben, keine jedenfalls, die überzeugt. Das ist die Hauptquelle, aus der sich der Unmut über Rösler speist.

Bei seiner Antrittsrede auf dem Rostocker Parteitag im Mai präsentierte Rösler sein Lieferversprechen, das er bald darauf mit Steuersenkungen konkretisierte. Damit machte er ausgerechnet jenes Thema wieder stark, mit dem die FDP als Regierungspartei in die Krise gerauscht war. Er weckte zudem Erwartungen, die unerfüllt bleiben, weil für echte Senkungen kein Geld da ist und selbst die kosmetischen von der SPD im Bundesrat blockiert werden.

Rösler kann leider auch schrill und bizarr

In Frankfurt, auf dem FDP-Parteitag Mitte November , unternahm Rösler wenigstens den Versuch, eine Rahmenerzählung für sein Wirken als Parteichef zu präsentieren. Seine Amtszeit solle von dem Vorhaben geprägt sein, "eine klare Ordnung auf den Finanzmärkten" zu etablieren. Doch nicht einmal den Ansatz einer Antwort, wie das geschehen könnte, lieferte er mit. Die Ankündigung enttarnte sich somit umgehend als Pose.

In Erinnerung geblieben ist etwas anderes. Rösler meinte, sich über SPD-Chef Sigmar Gabriel ("fürchtet die Fettsteuer") und die Fraktionsvize der Linken, Sahra Wagenknecht ("sieht gar nicht so gut aus, hat kleine Augen"), lustig machen zu müssen. Bis dahin war der Stil Röslers größtes Plus. Den Wechsel vom chronisch überschäumenden Erregungsrhetoriker Westerwelle zum gedämpften Rösler empfanden all jene in der FDP als Wohltat, die nicht permanent angeschrieen werden wollen. Seit der Frankfurter Rede gilt Rösler nicht mehr als stilsicher, sondern als bizarr.

Rösler ist jetzt in der Existenzkrise. Es ist die Krise seiner Partei und seine eigene als Vorsitzender. Putschgerüchte machen wieder die Runde, wie vor einem Jahr. Sie entspringen der beschleunigten Erosion der Partei – und dem Rücktritt Lindners. Wie weiter? Nach Rösler kommt keine Lösung, sondern Rainer Brüderle .