ZEIT ONLINE: Herr Sellering, ist Rechtsextremismus vorwiegend ein ostdeutsches Problem?

Erwin Sellering:Rechtsextremismus ist ein Problem in ganz Deutschland. Viele Rechtsextreme, die in Ostdeutschland eine wichtige Rolle spielen, sind aus dem Westen zugereist.

ZEIT ONLINE: Dennoch wird nach der Mordserie nun viel über das ostdeutsche Neonazi-Problem gesprochen.

Sellering: Einige Bundesländer weisen das Problem Rechtsextremismus gern von sich und zeigen auf andere, vor allem auf den Osten. Doch in Baden-Württemberg etwa kamen die Republikaner 1992 auf zehn Prozent. Das ist nicht zu unterschätzen.

ZEIT ONLINE: Hätte sich eine solche Rechtsterroristengruppe auch in einem westdeutschen Bundesland bilden können?

Sellering: Ich kann nicht erkennen, dass die Entstehung der Gruppe durch irgendwelche Bedingungen im Osten begünstigt worden sein könnte. Völlig unverständlich ist aber, dass sie so lange unentdeckt blieb.

ZEIT ONLINE: Waren die ostdeutschen Behörde nicht wachsam genug? Möglicherweise wurden sie nach der Einheit mit Leuten, auch aus dem Westen, besetzt, die am rechtsextremen Untergrund nicht ausreichend interessiert waren...

Sellering: Die Frage auch nur aufzuwerfen, finde ich falsch. Man muss sich im Einzelnen anschauen, wo Fehler unterlaufen sind. Aber wenn die Ermittler über Jahre bei den Rechtsextremisten nicht auf Ballhöhe waren, muss ich davor warnen, jetzt innerhalb weniger Tage Aufklärung zu erwarten. Das muss wirklich gründlich ausgewertet werden, in ostdeutschen, westdeutschen und bundesweit tätigen Behörden.

ZEIT ONLIN E: Wie sieht es bei Ihnen in Mecklenburg-Vorpommern aus?

Sellering: Wir gehören zu den Ländern, in denen die NPD im Landtag vertreten ist. Es gibt in unserem Land viele Menschen, die sich dem Rechtsextremisten entgegenstellen. Die muss man ermuntern, nicht nachzulassen. Wir brauchen eine klare politische Botschaft, dass in unserer Gesellschaft für Rechtsextremisten kein Platz ist.

ZEIT ONLINE: Kann ein dunkelhäutiger Tourist in Bansin auf der Insel Usdeom Urlaub machen, ohne dass ihm etwas passiert?

Sellering: Ja.

ZEIT ONLIN E: In Berlin werden Schulklassen davor gewarnt, Klassenfahrten in manche Teile Ostdeutschlands zu machen. Ist das übertrieben?

Sellering: Das ist übertrieben, ich will aber auch nicht beschönigen, dass es auch bei uns rechtsextreme Vorfälle gegeben hat. Wir haben rechtsextreme Kameradschaften im Land, auf Demonstrationen stellen sie ihren Hass zur Schau. Wir haben aber auch in Bansin, Ueckermünde oder in Greifswald Menschen, die sich ihnen entgegenstellen. Und die Menschen sind gerade in den ländlichen Regionen inzwischen sehr sensibel dafür, wenn Rechtsextremisten sich in Organisationen wie der Feuerwehr breitmachen wollen.

ZEIT ONLINE: Oft heißt es aber auch, die Zivilgesellschaft in manchen Gegenden Ostdeutschlands sei zu schwach, um Widerstand zu leisten. Etwa dort, wo die Kirche und Parteien fehlen.

Sellering : Wir sind das am dünnsten besiedelte Bundesland. Der Wechsel des Wirtschaftssystems hat auch wirtschaftsgeografisch massive Veränderungen zur Folge gehabt. Die Zahl der Arbeitsplätze in der Landwirtschaft ist nach 1990 auf ein Zehntel zurückgegangen. Das führt in vielen ländlichen Regionen zu einem deutlichen Bevölkerungsrückgang. Wenn dann in ein kleines Dorf drei rechtsextreme Familien zuziehen, kommt die NPD bei der nächsten Wahl schnell auf 30 Prozent.

ZEIT ONLINE: Warum schafft es auch eine Volkspartei wie die SPD in Mecklenburg nicht, in der Fläche präsent zu sein?