Christian Wulff geht geduckt, den Blick starr auf den präsidialen Fußboden gerichtet. Noch bevor er das kleine schwarze Stehpult mit dem goldenen Bundesadler erreicht hat, greift er in die Jackentasche nach einem Zettel, von dem er in den nächsten vier Minuten ablesen wird.

Seine tiefe Stimme klingt ruhig. Aber die Hände zeugen von Unruhe. Erst klammert sich Wulff an seinen knappen, von Anwälten sorgsam formulierten Redetext fest. Dann knetet er beide Hände ineinander. Dann faltet er die Finger für wenige Sekunden zu einer Raute, wie die Kanzlerin das gern tut. Um dann wieder zu kneten und den Zettel festzuhalten.

Wulff gegenüber steht ein gewaltiger Pulk an Journalisten und Fotografen. Es ist Donnerstagnachmittag. Die Einladung nach Bellevue kam zwar kurzfristig und überraschend. Aber natürlich sind ihr alle gefolgt. Schließlich ist Wulff seit Tagen das Top-Thema in den Medien. Der Hauskredit, die Urlaubsreisen, die Unternehmerfreunde – viele Details kamen zuletzt ans Tageslicht, die den Verdacht nahe gelegt haben, dass Wulff als niedersächsischer Ministerpräsident dienstliche und private Interessen nicht immer sauber voneinander getrennt hat. Über seine Anwälte hat Wulff bereits Bedauern signalisieren lassen. Aber er selbst hat sich bisher nicht öffentlich geäußert.

Das holt er nun nach. Die Botschaft ist eindeutig. Wulff bedauert. Inzwischen sehe er ein, dass die Finanzierung seines Privathauses in der Nähe von Hannover auf die Öffentlichkeit "irritierend" gewirkt habe. Er versichert, als Amtsträger niemals jemandem einen persönlichen Vorteil verschafft zu haben. Und er entschuldigt sich dafür, seinen Privatkredit vor dem niedersächsischen Landtag verschwiegen zu haben. Das sei zwar "juristisch rechtens" gewesen, aber nicht "richtig", sagt Wulff. "Das war nicht gradlinig und das tut mir leid." Der Blick ist reumütig. Die Finger kneten.

Fast möchte man dem Präsidenten zurufen: "Kopf hoch, wird schon wieder." Und ihm freundschaftlich in die Seite knuffen. Seine Strategie geht auf.

Ganz anders als Guttenberg

Ein Staatsoberhaupt, das die Bevölkerung um Entschuldigung bittet, das kommt schließlich nicht alle Tage vor. Viele Berichterstatter sind im ersten Moment etwas verlegen. Schließlich hat Wulff nun genau getan, was viele in ihren Kommentaren in den vergangenen Tagen gefordert haben. Er hat sein Schweigen gebrochen und Fehler eingeräumt.

Wohltuend unterscheidet sich Wulff in seinem Auftritt von einem anderen Politiker, der die Schlagzeilen am Anfang des Jahres dominiert hat. Karl-Theodor zu Guttenberg trat während seiner Plagiatsaffäre stets selbstgerecht auf. Der Ex-Verteidigungsminister war ein uneinsichtiger, angeberischer Sünder. Der Bundespräsident präsentiert sich dagegen reuig. Er zeigt Problem- und Schuldbewusstsein. Zehn Tage zu spät zwar, aber immerhin.

Wer will da schon unbarmherzig sein? Ausgerechnet jetzt, zwei Tage vor Weihnachten, dem Fest der Nächstenliebe?

Allerdings: Genau auf dieses milde Urteil hofft Wulff natürlich. Den Termin hat er keinesfalls zufällig gewählt. Es ist die letzte Möglichkeit, die Tageszeitungen noch vor Heiligabend und seiner Weihnachtsansprache zu erreichen, die am 25. Dezember im Fernsehen ausgestrahlt wird.