Es fehlt nur ein bisschen und er würde schreien. Wenn nicht ohnehin klar wäre, wer hier heute der Star ist, man könnte es an der Lautstärke ablesen. "Mehr Selbstbewusstsein!", ruft Guido Westerwelle in den Saal, und der Applaus seiner Anhänger schallt ebenso laut zurück. Die Partei und ihr ehemaliger Vorsitzender, an diesem Sonntagmittag finden sie wieder zusammen. Es ist ein kurzes, aber inniges Rendezvous.

Viel war spekuliert worden vor dem Auftritt Guido Westerwelles beim Neujahrsempfang der nordrhein-westfälischen FDP . Von einem "innenpolitischen Aufschlag" war die Rede und davon, dass er Klartext reden wolle über den Zustand des Landes und vor allem seiner Partei. Bemerkenswert ist das, weil Westerwelle sich seit seinem Abschied als Vorsitzender im vergangenen Mai mit öffentlichen Äußerungen genau zu diesen Themen monatelang zurückgehalten hatte. Während sein Nachfolger Philipp Rösler und wechselnde Generalsekretäre mit sich selbst und den katastrophalen Umfragewerten rangen, flog Westerwelle in außenpolitischer Mission um die Welt. Deshalb wirkt der heutige Auftritt in Düsseldorf beinahe wie ein Comeback. Deshalb sind die Reden des Landesfraktionschefs Gerhard Papke und des Bundesgesundheitsministers und Landesvorsitzenden Daniel Bahr nur Vorgeplänkel.

Neben den bei ihm obligatorischen Schimpftiraden gegen die Grünen beschwert sich der Landespolitiker Papke etwas schüchtern bei seinen Berliner Parteifreunden: "Gelegentlich nervt es schon ein wenig, wenn man immer wieder gegen böigen Ostwind ankämpfen muss." Er und Daniel Bahr beschwören immer wieder den "eigenen Kompass", den die Liberalen in schweren Zeiten wie diesen bräuchten. Bahr versucht auch, das negative Image seiner Partei in der Presse zu relativieren: "Die veröffentlichte Meinung ist nicht immer auch die öffentliche Meinung." 2012 solle nun zum Jahr des "Wiederaufstiegs der FDP" werden, sagt er noch, bevor er Platz macht für den Mann, der die Liberalen zehn Jahre führte.

Keine Minute braucht Guido Westerwelle, um die Revolutionen in Nordafrika und die Globalisierung an und für sich mit seinem Verständnis von Liberalismus zu verbinden. Nach dem landes- und gesundheitspolitischen Geplänkel seiner Vorredner ist die Botschaft klar: Hier ist ein Liberaler, der die großen Zusammenhänge sieht, der sich auskennt in der weiten Welt, ein politisches Schwergewicht. "Es ist die Geisteshaltung der freien Demokraten, die sich gerade weltweit durchsetzt", doziert Westerwelle, "die Freiheit ist auf dem Vormarsch!" So macht er die Freiheitskämpfer in Syrien , Ägypten , Tunesien und Libyen kurzerhand zu Kronzeugen der deutschen FDP. Man muss dieser Argumentation nicht folgen. In diesem Moment aber ist Guido Westerwelle rhetorisch besser als Philipp Rösler es in fast allen bisherigen Auftritten als Parteichef war.

Große Kaliber fährt der Außenminister auch in Sachen Innenpolitik auf: Westerwelle wettert gegen den "Zeitgeist der Umverteilung und staatlichen Bevormundung", gegen die Pläne der Grünen, denen er vorwirft, die "freie Gesellschaft" in eine "Besserungsanstalt" umbauen zu wollen. Er spitzt die Parteienkonkurrenz auf einen "Wettbewerb der Geisteshaltungen" zu und schimpft über "Schönwetter-Liberale".

Vor allem aber nutzt Guido Westerwelle sein Heimspiel in Düsseldorf dazu, seine eigene Rolle beim FDP-Projekt "Wiederaufstieg" klarzustellen: "Es gibt Zeiten, in denen sich eine Partei nicht nur hinter ihre Führung, sondern auch vor ihre Führung stellen muss", ruft er. Sich selbst zählt er dabei nicht zur Führung: "Ich stehe nicht mehr auf der Brücke, aber im Maschinenraum. Und da will ich weiter mitmachen!" Der einstige liberale Superstar als einfacher Maschinist im Rumpf eines stark schwankenden Parteischiffs – das ist natürlich eine maßlose Untertreibung von Westerwelles tatsächlichem Gewicht in der Partei. Doch seine Anhänger feiern ihn als Ersten unter ihresgleichen, als Heimgekehrten. Minutenlang ist der Applaus, und in diesem Moment erscheint es dem Beobachter fast wie ein historisches Missverständnis, dass dieser Mann im vergangenen Jahr das Amt des Parteivorsitzenden und nicht das des Außenministers niedergelegt hat, so sehr gehört er eigentlich genau hier hin.

Nach der Rede stehen sie dann alle zusammen, Daniel Bahr und Guido Westerwelle, Hans-Dietrich Genscher ist auch gekommen und Christian Lindner , bis vor Kurzem noch Generalsekretär und größte Hoffnung der Partei . Sie alle gehören zum mächtigen NRW-Landesverband, und wenn man sie so in der Gruppe sieht, fällt umso mehr auf, wer heute eben nicht dabei ist: Philipp Rösler und sein Generalsekretär Patrick Döring, beide aus Niedersachsen . Sie sind auch sonst merkwürdig abwesend in den Reden der West-Liberalen. Nur einmal fällt der Name des Parteivorsitzenden, und dann auch eher aus Protokollgründen, als Daniel Bahr das Führungsteam der Partei aufzählt. Den Generalsekretär lässt er dabei gleich ganz unerwähnt.

Später kann man an einem der Stehtische in dem Düsseldorfer Hotel noch Ingeborg Vieth-Rogala treffen. Sie ist im gleichen Jahr in die FDP eingetreten, in dem Guido Westerwelle geboren wurde: 1961. Ihr Vater war früher Fraktionschef im Landtag. Vieth-Rogala kennt Guido Westerwelle schon seit über zwanzig Jahren. "Der war richtig nervös heute, das hab ich gesehen", sagt sie. Sie ist zufrieden mit seinem Auftritt, er habe das Beste daraus gemacht. "Jetzt kann ich ihm wieder eine Chance geben." Denn eigentlich ist sie immer noch sauer, weil Westerwelle damals unbedingt Außenminister werden und nicht in der Innenpolitik bleiben wollte: "Das hätte er nicht machen sollen, das hat uns allen geschadet", sagt sie. Verzeihen, sagt Ingeborg Vieth-Rogala, kann sie ihm das bis heute nicht wirklich. Aber gut sei es schon, dass er jetzt wieder dabei sei.

Doch Guido Westerwelle ist da schon lange wieder weg – auf dem Weg nach Athen , Europa retten. Um die FDP müssen sich jetzt erstmal wieder die anderen kümmern.