Der saarländische FDP-Vorsitzende Oliver Luksic war gerade im Kreißsaal, als ihn die Nachricht erreichte. Es sei vorbei mit der gemeinsamen Regierungskoalition, richtete die Ministerpräsidentin dem werdenden Vater am Freitagmorgen via Handy aus. Allerdings hatte Luksic Annegret Kramp-Karrenbauer nach eigenen Angaben erst selbst anrufen und nachfragen müssen, nachdem er mehrere aufgeregte SMS von Parteifreunden erhalten hatte.

Dass es mit der Jamaika-Koalition zu Ende gehen würde, war seit Langem absehbar. Der Zeitpunkt aber hat dann doch überrascht, wenngleich Kramp-Karrenbauer den ersten Warnschuss schon vor Weihnachten abgesetzt hatte. Damals rügte die CDU-Frau den Koalitionspartner öffentlich: Die FDP belaste die Handlungsfähigkeit des Bündnisses.

Drei Fraktionsvorsitzende in zwei Jahren

Beobachter wunderten sich seinerzeit über die deutlichen Worte. Allerdings: Ärger gab es in der zu diesem Zeitpunkt nur noch vierköpfigen FDP-Fraktion im saarländischen Landtag zur Genüge. Der Fraktionsvorsitzende Christian Schmitt war vor den Feiertagen zur CDU gewechselt – er halte die ständigen Intrigen in der FDP nicht mehr aus. Schnell war in der kleinen Fraktion ein Nachfolger gefunden, doch der hatte ein Auto auf Fraktionskosten geleast und offenbar Kilometerpauschalen zu Unrecht empfangen. Kurz vor Silvester zog Carsten Kühn seine Kandidatur zurück , seitdem ist der Posten des Fraktionschefs vakant. Angeblich sollte der bisherige Wirtschaftsminister Christoph Hartmann am Wochenende übernehmen. Es wäre der dritte Vorsitzende unter den insgesamt nur vier Fraktionsmitgliedern innerhalb der zweijährigen Regierungszeit gewesen.

AKK, wie die Ministerpräsidentin im Saarland wegen ihres sperrigen Namens verkürzt genannt wird, hatte das Treiben in ihrer schwarz-gelb-grünen Regierungskoalition schon länger mit Unbehagen verfolgt. Das Jamaika-Bündnis, 2009 von ihrem Vorgänger Peter Müller ins Leben gerufen, hatte nur zwei Stimmen Mehrheit im Landtag. Schon als Kramp-Karrenbauer sich im August zur Ministerpräsidentin wählen ließ, fehlte ihr eine Stimme aus dem eigenen Lager. Hartnäckig hielt sich damals das Gerücht, ein Liberaler habe ihr die Zustimmung versagt.

Kramp-Karrenbauer zeigte sich zuletzt auch verärgert darüber, dass der FDP-Landesvorsitzende Luksic als Bundestagsabgeordneter in Berlin weilte. Sie soll ihn zur Rückkehr an die Saar und zu einem Kabinettsposten gedrängt haben. Doch Luksic zögerte. Die knappe Stimmenmehrheit, eine wankelmütige FDP, Gerüchte über weitere Privilegien-Missbräuche in der Fraktion und zwei angeblich sehr störrische Grünen-Minister hätten den Geduldsfaden der Ministerpräsidentin am Ende reißen lassen, heißt es.

Die SPD tat überrascht

Und so beendete AKK das erste Jamaika-Experiment auf Landesebene – im "völlig einhelligen Konsens" mit ihrem Parteivorstand, wie sie in einer eilig einberufenen Pressekonferenz betonte. Die 49-Jährige galt bisher immer als fleißige, etwas spröde Ziehtochter des langjährigen Landeschefs Peter Müller. Am Freitag zeigte sie, nur wenige Monate nach Amtsantritt, dass sie auch hart sein kann: Das Ende des Bündnisses wurde genau zu dem Zeitpunkt bekannt, als der FDP-Bundesvorsitzende Philipp Rösler seiner Partei beim Dreikönigstreffen in Stuttgart den Neuanfang versprach . Angela Merkel dürfte über den Schritt informiert gewesen sein. Ein Schelm, wer böses dabei denkt.

 Die Linkspartei gibt sich gelassen

Nun setzt Annegret Kramp-Karrenbauer auf eine Koalition mit der SPD . Offiziell reagierten die Sozialdemokraten überrascht auf das Angebot. Dabei verhandelt AKK  schon lange hinter den Kulissen mit dem Vorsitzenden Heiko Maas . Ein SPD-Sprecher bestätigte ZEIT ONLINE indes lediglich "Kontakte" und betonte, nichts sei hier "lang vorbereitet gewesen". Allerdings: Schon wenige Stunden nach dem Bruch der Jamaika-Koalition einigte sich das SPD-Präsidium darauf, Gespräche mit der CDU-Ministerpräsidentin über eine mögliche Zusammenarbeit zu suchen.

Die Ministerpräsidentin ist eine linke Christdemokratin

Eine definitive Festlegung ist das noch nicht, aber ein Signal. Und wer Annegret Kramp-Karrenbauer kennt, der weiß, dass sie wohl kaum auf Risiko spielen wird. Sie ist offenbar sicher: Heiko Maas und seine SPD werden sie unterstützen. Das Saarland ist enorm verschuldet, steht wirtschaftlich schwach da. Eine stabile Regierung sei notwendig, sagten CDU und SPD schon am Freitag einmütig. Kramp-Karrenbauer gilt zudem als linke Christdemokratin, sie ist zum Beispiel schon lange offen für Mindestlöhne.

Was wird die SPD einfordern?

Und doch rätselt man im Saarland, was Maas für eine Juniorbeteiligung seiner SPD in der saarländischen Landesregierung einfordern wird. Schließlich erreichten die Sozialdemokraten in jüngsten Umfragen 35 Prozent der Stimmen, immerhin drei Prozentpunkte mehr als die CDU. Die Rede ist von einer Art "Superministerium" unter dem Vorsitz von Maas. Eine "Regierung auf Augenhöhe" soll Kramp-Karrenbauer der SPD angeboten haben.

Doch warum sollte der ambitionierte SPD-Vorsitzende einschlagen? Manche sagen, er sehe für sich eine letzte Chance zur Macht – nach vielen gescheiterten Anläufen in den vergangenen Jahren. Zuletzt hatten die Grünen 2009 Maas Hoffnungen auf eine rot-rot-grüne Koalition zunichte gemacht, als sie zur CDU überliefen. Andere Beobachter halten die Idee aus SPD-Sicht für absurd: "So blöd kann man doch nicht sein."

Schließlich hätte Rot-Rot im Saarland bei einer Neuwahl alle Chancen auf die Mehrheit, Maas könnte also Ministerpräsident werden. Die Linkspartei liegt derzeit zwar nur bei 12 Prozent und damit neun Punkte schlechter als noch bei der letzten Landtagswahl. Doch in der SPD wissen sie, dass Oskar Lafontaine Wähler mobilisieren kann wie kein zweiter. Er forderte am Freitag selbstbewusst schon mal Neuwahlen.

Um die Grünen sei es nicht schade

Auch das saarländische Urgestein der SPD-Linken, Ottmar Schreiner , ist dafür. Ihm werden Ambitionen auf ein Bündnis seiner Partei mit der Linkspartei nachgesagt. Heiko Maas weiß wohl, dass es nicht einfach sein wird, seiner SPD-Basis ein Zusammengehen mit der CDU schmackhaft zu machen. Hier ist das allerletzte Wort noch nicht gesprochen.

Bei der Linkspartei gibt man sich entspannt, auch für den Fall, dass Maas mit der CDU zusammengehen sollte. "Die SPD wird in einer großen Koalition sicher scheitern, das beschert uns doch für die nächste Wahl Stimmengewinne", sagt ein Linker.

Bleiben die Grünen, die mit drei Abgeordneten im saarländischen Landtag bisher das Jamaika-Bündnis zusammenhielten. Sie wurden nach eigenen Angaben vom Ende ihrer Regierungsbeteiligung völlig überrascht. In der CDU-Führung jedoch lästert man über die beiden bisherigen grünen Minister, die jeden ihrer Schritte mit Berlin abgestimmt und in der Koalition nur Zwietracht gesät hätten. Um die sei es nicht schade, so der Tenor.