Die Linkspartei war eine der großen Verliererinnen des Jahres 2011. Landtagswahlen gingen verloren, ihre Umfragewerte halbierten sich nahezu, und das trotz Euro-Krise und Occupy-Bewegung . Ob’s 2012 wieder aufwärts geht? Daran lässt sich nach ihrer Veranstaltung zum Jahresauftakt bereits zweifeln.

Der Schauplatz: das Kosmos in der Karl-Marx-Allee, früher das größte Kino der DDR, heute ein etwas muffiger Veranstaltungssaal. Zwei Rentner-Gruppen dominieren das Geschehen. Zum einen sind da all jene, die früher schon in der PDS und davor meist auch in der SED waren. Viele leben hier, im Ostteils Berlins , sie machen einen reservierten, disziplinierten Eindruck, ihre Plätze haben viele schon lange vor Beginn der Veranstaltung eingenommen. Wuseliger und lauter ist es dagegen bei den "Alt-Linken" aus dem Westen. Einige von ihnen tragen Taschen mit Stickern, auf denen "Occupy Berlin" steht.

Klaus Ernst ist jünger als die meisten seiner Zuhörer an diesem Tag. Tendenziell gehört der Linken-Parteichef aber zur westdeutschen Alt-Linken. In Ernsts Rede spielt ein Begriff eine Schlüsselrolle, der von Ost-Linken so gut wie gar nicht gebraucht wird. Er lautet "radikal".

In Ernsts bayerischem Dialekt klingt dies Wort ein bisschen ulkig. Aber er meint es durchaus ernst. Einzig seine Partei fordere "radikale Veränderungen", sagt Ernst. Nur sie bekämpfe Armut und Krieg. Einzig sie sage: "Nein zu Lohn-, Renten- und Sozialkürzungen in ganz Europa ".

Der Applaus für diese Sätze ist kräftig. Allerdings gibt es auch Zuhörer, die gar nicht klatschen, sondern den Kopf schütteln. Speziell die meist ostdeutschen "Reformer" in der Linken können mit dem Vokabular des erprobten Gewerkschaftsführers Ernst wenig anfangen. Sie sind überaus pragmatisch und wollen Regierungsverantwortung übernehmen. Die ultimativen, plakativen Forderungen, die Ernst auf der Bühne vorträgt, sind ihnen zu platt und holzschnittartig.

Es ist eines der grundsätzlichen Probleme der Linken: Was will sie? Totalopposition? Oder gestalten?

Gerade in Berlin hat die Linke schließlich gezeigt, dass sie in Regierungsverantwortung durchaus in der Lage zu sozialen Kürzungen ist, wenn es einer höheren Sache dient, in dem Fall dem Schuldenabbau. Davon ist in Ernsts radikalverbaler Rhetorik aber wenig zu hören.

Ein Regierungswechsel 2013 wird nicht vorbereitet

Dass die Linke auf die komplexen Probleme der Gegenwart keine komplexen Antworten bietet, mag ein Grund sein, warum sie von der Finanzkrise nicht auf dem Wählermarkt profitiert. Die Reformer stört, dass die Parteiführung zu wenig an gemeinsamen Projekten mit den anderen linken Parteien arbeitet, um einen möglichen Regierungswechsel 2013 konkret vorzubereiten. Nicht von ungefähr betont Fraktionschef Gregor Gysi , der nach Ernst spricht, dass die Linke eigentlich durchaus zu Kompromissen bereit ist.

Ausführlicher als Ernst kritisiert Gysi dagegen den Bundespräsidenten. Als Lehre aus der Causa Wulff schlägt Gysi vor, Spenden aus der Wirtschaft an Parteien generell zu verbieten. Gysi hat das schon öfter gefordert. Er betont dann gern, dass die Linke diesbezüglich unverdächtig sei, da sie – anders als alle anderen Parteien – keine Nähe zur Industrie habe.

Tatsächlich aber hatte auch die Linke schon Probleme mit dubiosen oder nicht ordentlich verzeichneten Spenden. Hinzu kommt, dass auch dem Vorsitzenden Ernst der Ruf anhängt, persönliche Vorteile gern für sich mitzunehmen. Für Kritik innerhalb der Linken sorgte beispielsweise, dass Ernst neben seinen Bezügen als Abgeordneter und Fraktionsvorstandsmitglied sich auch seine Tätigkeit als Parteichef vergüten ließ. Auch Oskar Lafontaine nahm als saarländischer Ministerpräsident großzügige Pensionsansprüche in Anspruch, was vielen Beobachtern wie Selbstbereicherung vorkam. Auch auf die Presse versuchte er durchaus Einfluss auszuüben. Die Fälle mögen anders gelagert sein. Aber die Rolle des Anklägers des Bundespräsidenten würde Ernst und Lafontaine niemand abnehmen.

So ist das mit vielen Forderungen der Linkspartei. Sie werden schnell und lauthals proklamiert. Aber oft widersprechen sie der linken Realität.