"Voller Harmonie Richtung Neuwahl", schreibt die Saarbrücker Zeitung am Freitag. Es ist paradox: Im Saarland sind die Sondierungsgespräche über eine schwarz-rote Koalition gescheitert, schon im März soll es eine Neuwahl geben. Und doch ist alles anders als man denken könnte: Es gibt keine Schuldzuweisungen. Nein, die Verhandlungspartner betonen, trotzdem bald zusammen regieren zu wollen.

Was war passiert? CDU-Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer hat vor zwei Wochen das schwarz-gelb-grüne Jamaika-Bündnis aufgekündigt und SPD-Chef Heiko Maas eine Koalition auf Augenhöhe angeboten. Ohne vorherige Neuwahl. Es folgten insgesamt 15 Stunden Sondierungsgespräche, die recht gut zu laufen schienen: Bei den politischen Inhalten lagen die bisherige Regierungs- und die bisherige Oppositionspartei gar nicht so weit auseinander. Zum Beispiel herrschte Konsens darüber, dass das hoch verschuldete Saarland in den kommenden Jahren bittere Einsparungen vornehmen muss.

Auch gilt das persönliche Verhältnis von Kramp-Karrenbauer und Maas als entspannt. Aber trotzdem traten beide am Donnerstagabend nach einem letzten Gespräch unter vier Augen mit erschöpft-ernster Miene vor die Kameras und verkündeten, dass sofortige Neuwahlen die bessere Lösung seien. Danach könne man ja immer noch gemeinsam regieren.

Das Scheitern der aktuellen Verhandlungen ist in einer Forderung der Sozialdemokraten begründet: Heiko Maas wollte nur in die CDU-Regierung einsteigen, wenn das Bündnis auf ein Jahr befristet ist. Turnusgemäß wäre erst 2014 neu gewählt worden. Doch die Ministerpräsidentin lehnte eine solche Koalition ab. Das würde einen einjährigen Dauerwahlkampf zwischen den Regierungspartnern bedeuten, argumentierte sie.

Maas muss sich seiner Basis beugen

Mit seiner Forderung, bereits 2013 zu wählen, hat der SPD-Chef auch ein Eingeständnis an die eigene Parteibasis gemacht. Er selbst fand den Gedanken, in die bereits existierende Regierung einzusteigen, verlockend. Denn als Spitzenkandidat hat Maas bisher nur schlechte Erfahrungen gemacht. Bereits zweimal verlor der heute 45-Jährige den Kampf um den Ministerpräsidenten-Posten. Das nagt an ihm.

Maas' Problem war in den letzten Tagen, dass sich die Bundespartei und auch führende Sozialdemokraten an der Saar für sofortige Neuwahlen aussprachen. Sie konnten nicht verstehen, warum sich die SPD , die in letzten Umfragen mit 35 Prozent drei Prozentpunkte vor der CDU lag, kleiner machen sollte, als sie ist. Für Maas ist die nun beschlossene sofortige Neuwahl mit einem hohen persönlichen Riskio verbunden: Sollte er wieder nur zweiter werden, könnte es das Ende seiner Karriere als Spitzenpolitiker sein.

Auch Kramp-Karrenbauer hat ein Problem: Für sie ist es der erste Wahlkampf als Spitzenkandidatin, sie ist erst seit einem guten halben Jahr Ministerpräsidentin an der Saar . Nicht wirklich viel Zeit, um Profil zu gewinnen. Die 49-Jährige wirkt bei öffentlichen Auftritten zudem immer ein wenig verkrampft. Die Saarländer aber mögen sie. Schon in ihrer Zeit als einfache CDU-Ministerin war Kramp-Karrenbauer die beliebteste Politikerin des Landes. Bei der letzten Umfrage im November lagen ihre Zustimmungswerte bei 55 Prozent . Allerdings lag Heiko Maas mit 51 Prozent nur knapp dahinter.

 Oskar Lafontaine freut sich auf den Wahlkampf

Und so bereitet man sich an der Saar nun auf einen personalisierten Wahlkampf vor. Die CDU dürfte ihre Kandidatin als staatstragende Landesmutter vermarkten: Sie habe schließlich für die politische Stabilität des Landes ihre eigene Karriere aufs Spiel gesetzt, heißt es aus Kramp-Karrenbauers Umfeld. Auch SPD-Granden registrieren besorgt, dass die 49-Jährige von Parteifreunden und Medien nun als "Killerin" der beim Volk ungeliebten Jamaika-Koalition vermarktet werde. Auf You Tube berichtet CDU-Landesgeneralsekretär Roland Theis mit stolzer Brust von "zahlreichen Neueintritten in die CDU Saar" und vielen zustimmenden Briefen seit dem Koalitionsbruch. In der SPD stellt man das in Zweifel.

Die Führung der Sozialdemokraten argumentiert nämlich, sie habe dank der guten Umfragewerte die "beste Ausgangssituation" seit Jahren und mit Heiko Maas einen "erfahrenen Wahlkämpfer", der mit seiner Seriosität und Ehrlichkeit punkten könne. Die Chance auf den Ministerpräsidenten-Sessel nach jahrelanger Opposition beflügele die Partei und befördere die Geschlossenheit, hört man allenthalben.

Die Linken wollen eh nicht regieren

Für SPD und CDU geht es im nun beginnenden Wahlkampf nur darum, wer den Chefsessel bekommt. Zur großen Koalition gibt es im Saarland fast keine Alternativen. Das Verhältnis von Heiko Maas zum Grünen-Chef Hubert Ulrich gilt als zerrüttet, seit die Grünen sich 2009 gegen ein rot-rot-grünes Bündnis unter Führung von Maas entschied.

Bei der Saar-FDP ist seit der Neuwahl-Ankündigung die Stimmung im Keller. Niemand glaubt dort, dass die Fünf-Prozent-Hürde geschafft wird.

Bleibt die Linkspartei , die an der Saar über ein besonderes Zugpferd verfügt: Oskar Lafontaine . "Ich werde mit viel Freude diesen Landtagswahlkampf führen", kündigte der am Freitag an. 15 bis 20 Prozent der Stimmen könnte die Linke so erreichen – und der SPD am Ende noch die wenigen Prozente klauen, die diese derzeit noch vor der CDU liegt.

Lafontaine bot Heiko Maas gleich schon mal eine rot-rote Koalition an – unter der vergifteten Bedingung, dass eine solche im Saarland auf die (verfassungsrechtlich verankerte) Schuldenbremse pfeifen und keine strengen Sparmaßnahmen beschließen dürfte. Maas hat bereits abgewinkt: Unter seiner Führung werde die SPD so etwas nicht mitmachen. Allerdings weiß er, dass nicht alle Sozialdemokraten so denken wie er.

Doch die Linke will sowieso eher nicht an die Macht – wegen der finanziell äußerst angespannten Situation des Saarlandes. "Um Gotteswillen, da müssten wir ja Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst abbauen", hieß es zuletzt noch abwinkend aus der Partei.