Es gab schon entspanntere Neujahrsempfänge. Mehrere Spitzenpolitiker und Vertreter gesellschaftlicher Verbände sind der Einladung von Bundespräsident Christian Wulff mit unterschiedlicher Begründung nicht gefolgt. Linken-Chef Klaus Ernst war als einziger Vorsitzender einer Oppositionspartei Wulffs Einladung nach Schloss Bellevue gefolgt. SPD-Chef Sigmar Gabriel und die Grünen-Vorsitzenden Claudia Roth und Cem Özdemir hätten unter Hinweis auf terminliche Schwierigkeiten abgesagt, hieß es im Präsidialamt.

Ebenfalls nicht anwesend war SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier. Dessen Sprecher verwies darauf, dass die Fraktion heute in Klausurtagung sei und der Vorsitzende deshalb schon Anfang Dezember abgesagt habe. Auch FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle fehlte. Über die Gründe des Fernbleibens erteilte sein Büro keine Auskunft.

Offen boykottierte den Empfang die Vorsitzende der Anti-Korruptions-Organisation Transparency International, Edda Müller. Sie hatte schon am Mittwoch gesagt, dass sie ein Signal setze wolle, weil der Bundespräsident nicht die Transparenz einhalte , die er versprochen habe. Demonstrativ abgesagt hat auch der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV), Michael Konken . Er wollte nach eigenem Bekunden damit gegen die Desinformationspolitik des Bundespräsidenten protestieren.

Unter außergewöhnlich hohem Interesse der Medien empfing Wulff gemeinsam mit Ehefrau Bettina mehr als 250 Repräsentanten des Staates und ehrenamtlich engagierte Bürger. Der Neujahrsempfang war die erste öffentliche Begegnung zwischen dem wegen seiner Kredit- und Medienaffäre angeschlagenen Staatsoberhaupt und Bundeskanzlerin Angela Merkel seit Beginn der Affäre. Merkel begrüßte Wulff mit Handschlag und wechselte einige Worte mit dem Präsidenten.

Wangenküsschen für Bettina Wulff

Unter den vielen netten Gesten für den Bundespräsident dürften auch einige nett gemeinte gewesen sein. Außenminister Guido Westerwelle begrüßte Bettina Wulff mit Wangenküsschen. "Man muss nicht verschweigen, wenn man sich mag", sagte er später dazu.

Schmerzen dürften den Präsidenten vor allem die Lücken in den eigenen Reihen. Wulffs politischer Ziehsohn und Nachfolger im Amt des niedersächsischen Ministerpräsidenten, David McAllister, ließ sich ebenso wenig blicken wie Verteidigungsminister Thomas de Maizière, der in einigen Medien als potenzieller Nachfolger gehandelt wird.

Während in Bellevue Wert auf Harmonie gelegt wurde, wuchs selbst in der eignen Partei des Bundespräsidenten die Kritik an ihm. Mit dem Alterspräsidenten des Bundestages, Heinz Riesenhuber, geht ein weiterer CDU-Politiker auf Distanz zu Wulff. "Ich hatte von Christian Wulff als Bundespräsident sehr viel erwartet. Er hat sich aber in Dinge verheddert, die sehr unerfreulich und grenzwertig scheinen", sagte der frühere Bundesforschungsminister der Zeitung Die Welt . Wulffs bisheriger Umgang damit in der Öffentlichkeit sei nicht gut.

CDU-Abgeordneter fordert indirekt Rücktritt

"Es ist ganz schwierig, sich jetzt noch vorzustellen, wie Wulff den Glanz verbreiten will, den ich mir von ihm erhofft hatte", fügte Riesenhuber hinzu. "Die Anstöße, die sich viele von ihm erwarteten, sind jetzt sehr schwierig geworden." Riesenhuber sagte dennoch, Wulff habe jetzt die Chance, alle Sachen auf den Tisch zu legen, sodass keine Frage mehr offenbliebe. "Er sollte dies in einem einzelnen, abschließenden Paket tun", riet der CDU-Politiker.

Ein weiterer CDU-Bundestagsabgeordneter forderte Wulff zudem indirekt zum Rücktritt auf. "Aufgrund der unwürdigen Diskussion der vergangenen Wochen müssen Konsequenzen gezogen werden", sagte der Brandenburger Parlamentarier Hans-Georg von der Marwitz dem Tagesspiegel .

Ähnlich hatte sich zuvor der CDU-Bundestagsabgeordnete Karl-Georg Wellmann geäußert. "Mein persönlicher Rat an ihn wäre, dass er sich das nicht länger zumutet, sich, seiner Familie und dem Amt", sagte Wellmann. Ein Ende mit Schrecken sei besser als ein Schrecken ohne Ende.