Es ist später Nachmittag im Sitzungssaal der Unionsfraktion , als Volker Kauder zu einem Appell ansetzt. Drei Abgeordnete haben sich zu diesem Zeitpunkt krank gemeldet, weitere drei sind es bei der FDP . Und aus der CSU haben fünf Parlamentarier angekündigt, mit Nein zu stimmen. In wenigen Stunden soll das zweite Rettungspaket für Griechenland im Bundestag  verabschiedet werden und der Fraktionsvorsitzende ahnt, dass es diesmal knapp wird mit der Kanzlermehrheit.

Kauder sagt: "Jeder muss wissen, welchen Schaden er anrichtet." Später wird es heißen, Kauder sei außerordentlich deutlich geworden. Von "massivem Druck" spricht der CSU-Politiker und Euro-Skeptiker Peter Gauweiler .

Um kurz nach halb sieben steht dann fest: Kauders Worte haben nicht geholfen. Der Bundestag hat zwar mit deutlicher Mehrheit für das zweite Rettungspaket gestimmt, die Kredite nach Athen können fließen. Erstmals aber seit dem Ausbruch der Schuldenkrise verfehlt die Kanzlerin ihre Kanzlermehrheit . Lediglich 304 Abgeordnete von Union und FDP stimmen in der namentlichen Abstimmung für das Rettungspaket. Dreizehn Unionsabgeordnete lehnen den Plan ab, zwei enthalten sich. Aus der FDP-Fraktion gibt es vier Mal Nein und eine Enthaltung. Für die Kanzlermehrheit wären mindestens 311 Ja-Stimmen nötig gewesen.

Nur weil SPD und Grüne fast geschlossen mit Ja stimmen, erhält das Hilfspaket eine deutliche Mehrheit. Zumindest auf dem Papier ist sie da: die Vertrauenskrise in der Euro-Frage, die in der Koalition schon so lange gefürchtet wird. Nur auf dem Papier? Der parlamentarische Geschäftsführer der Unionsfraktion, Peter Altmaier , wiegelt ab: Die Abstimmung bedeute "keine Delle". Immerhin gebe es eine "deutliche Mehrheit" für das Rettungspaket, eine "gute Entscheidung" – mithin keine Krise der Koalition.

Die Opposition sieht das anders und ergreift die Gelegenheit zur Attacke. Vom "Beginn der Kanzlerdämmerung" spricht der parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Thomas Oppermann . Die Kanzlerin sei während einer wichtigen Abstimmung ohne eigene Mehrheit und deshalb "politisch gescheitert". Der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Jürgen Trittin, geht sogar noch weiter und fordert die Kanzlerin auf, von Artikel 68 des Grundgesetzes Gebrauch zu machen und die Vertrauensfrage zu stellen. " Merkels Kanzlerschaft erodiert." Die Abstimmung sei eine "herbe Niederlage" für die Kanzlerin.

Der Innenminister trifft einen Nerv

Tatsächlich hatte der Tag für die Koalition schon schlecht begonnen. Am Morgen warnte die Bild -Zeitung: "Ein Fass ohne Boden. BILD sagt: STOP!" Das Boulevard-Blatt forderte die Regierung auf, die Hilfen an Griechenland zu beenden. Das sorgte vor allem unter konservativen Abgeordneten für Diskussionen. Zumal Finanzminister Wolfgang Schäuble am Wochenende mit seiner Ankündigung, ein drittes Griechenland-Paket nicht mehr auszuschließen, weiteres Öl ins Feuer gegossen hatte. Viele Abgeordnete sahen sich in ihren Befürchtungen bestätigt, dass es mit den Hilfspaketen ewig so weiter gehen wird.

Noch ein anderer Bundesminister hatte am Wochenende für reichlich Ärger gesorgt: In einem Interview hatte Innenminister Hans-Peter Friedrich gefordert, Griechenland zu einem Austritt aus der Euro-Zone zu bewegen. Ein Affront gegen den Finanzminister und die Kanzlerin – auch wenn sich diese kurz danach über ihren Sprecher von Friedrich distanzierte. Dennoch traf Friedrich mit seinen Äußerungen in der Fraktion einen Nerv. Der Abgeordnete Wolfgang Bosbach, selbst einer der Abweichler, ließ wissen, Friedrich habe lediglich das gesagt, "was viele in der Koalition denken".

Am frühen Nachmittag tritt Friedrich vor dem Fraktionssaal der Union vor die Presse. Der Innenminister lächelt gequält. Warum er so kurz vor der Abstimmung dieses Interview gegeben habe, will ein Journalist wissen. Friedrich sagt, dass er nur darauf hinweisen wollte, dass es "noch andere Möglichkeiten" gebe, um die griechische Krise zu bewältigen. Natürlich werde seine Partei aber für das Rettungspaket stimmen. Daran habe es doch "nie einen Zweifel" gegeben.