Joachim Gauck macht sich rar. In den drei Wochen bis zu seiner Wahl als Bundespräsident will er nicht mehr öffentlich auftreten, Lesungen hat er abgesagt. Bis auf eine, in der Comödie in Fürth . Das Häuserviertel um das Kleinkunsttheater der fränkischen Stadt ist im Ausnahmezustand. Alle sind da, die künftig auch da sein werden – die Beamte des Bundeskriminalamts, die örtliche Polizei, die vielen Helfer. Die Dramaturgie ist exakt festgelegt, nichts wird dem Zufall überlassen. Ein historischer Abend? Und warum in Fürth?

Schon vor einem Jahr war der Termin vereinbart worden. "Bis zur letzten Woche haben wir auf die Absage gewartet", sagt Theaterleiterin Eva Brütting. Aber sie kam nicht, statt dessen kam Gauck . Womöglich hat ihn seine Lebensgefährtin Daniela Schadt überzeugt , die Politikjournalistin aus dem nahen Nürnberg .

Vielleicht will Gauck auch für seine Tochter Gesine lesen, die extra aus Bremen anreiste. Er bittet sie, kurz aufzustehen, stellt sie den Gästen vor. Nachdem in der DDR seine beiden Söhne in den Westen ausgereist waren, wollte Gesine bei den Eltern bleiben. Doch dann lernte sie einen jungen Mann aus Bremen kennen und siedelte auch über. Das sind die schmerzhaften Teile von Gaucks Leben.

Kein Wort zur Präsidentschaft

Der Saal ist mit 400 Gästen brechend voll. Es ist ein Abschied, zumindest vom Privatmann Gauck, vom Autor und Redner ohne offizielles Amt. Gauck liest aus seinem Erinnerungsbuch Winter im Sommer – Frühling im Herbst .

Wer darauf gewartet hat, dass der ehemalige Rostocker Stadtpfarrer, DDR-Bürgerrechtler und Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen schon etwas zur bevorstehenden Präsidentschaft sagt, der wird enttäuscht. Fragen sind nicht vorgesehen. Stattdessen gibt Gauck nochmals einen langen, tiefen Einblick in sein vom real existierenden Sozialismus geprägtes Leben in Ostdeutschland. Grau muss es gewesen sein, zum Verzweifeln und doch auf irgendeine Weise auch erfüllt.

Gauck klagt die "schwarze Schulpädagogik in Rot" an, die die Menschen schon von klein auf "ins Glied" zwingen sollte. Er erzählt vom Schüler Gauck, der nie dazu gehört habe, auch weil sein Vater wegen angeblicher Spionage von den Sowjets verschleppt und jahrelang im sibirischen Lager verschwunden war.