Zu diesem Zeitpunkt hatten sich alle Beobachter längst auf eine Nacht der langen Messer eingestellt. Eine Lösung schien kaum mehr vorstellbar. Oder sollte die Kanzlerin vielleicht noch einen ganz anderen Kandidaten auf der Liste haben?

Doch das Drama blieb aus. Um 21.30 Uhr saßen die Verhandlungspartner friedlich nebeneinander auf dem Podium. Sie alle fanden warme, im Fall von Grünen-Chefin Claudia Roth fast schon schwärmerische Worte für den älteren Herrn in ihrer Mitte. Und Angela Merkel, die neben ihm saß, und ihn, den ganz offensichtlich ein wenig neben sich Stehenden, mehrfach aufmunternd anlächelte, konnte plötzlich genau begründen, warum Joachim Gauck der Richtige für dieses Amt ist. "Trotz mancher Verschiedenheit", wie die Kanzlerin sagte. Es war der einzige Hinweis darauf, dass ihr diese Nominierung vielleicht nicht ganz leicht fiel.

Was war geschehen? Nun, genau genommen gab es wohl mindestens drei Gründe. Da war zum einen der Wunsch, noch an diesem Abend einen Kandidaten zu präsentieren. Das ganze Land habe auf eine Entscheidung gewartet, da dürfe man nicht noch "ein Schauspiel dazu präsentieren", sagt ein Unionsmann.

Der andere Grund lag aber auch in einem Mangel an Alternativen. Ernsthaft sei am Sonntag nur noch über Gauck und den früheren CDU-Umweltminister Klaus Töpfer geredet worden. Bei Töpfer stellte die FDP sich stur, gegen den ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber , der ebenfalls noch im Gespräch war, bildeten Grüne und FDP eine gemeinsame Front. Hätte die Union versucht, Töpfer gegen die FDP mit Grünen und SPD durchzusetzen, hätte dies wohl den Bruch der Koalition bedeutet.

Bouletten und Kartoffelsalat

Merkel blieb am Ende nur noch die Wahl entweder die Koalition platzen zu lassen, die Entscheidung auf unbestimmte Zeit zu vertagen oder Gauck zu akzeptieren. Dazu kam der öffentliche Druck. Erst am Morgen hatten Agenturen gemeldet, dass eine Mehrheit der Deutschen Gauck wolle . Die Union hätte schließlich als einzige Kraft dagestanden, die den Präsidenten der Herzen verhindert hätte. Dafür hatte die FDP mit ihrem öffentlichen Vorgehen gesorgt. Gegen die Mehrheit regieren? Das allerdings ist Merkels Sache nicht, wie man spätestens seit Fukushima weiß. "Man muss auch sehen, wie sich eine solche Debatte entwickelt", sagte ein Teilnehmer lakonisch.

Und so kommt es, dass, als die Oppositionsvertreter am Sonntagabend endlich im Kanzleramt eintreffen, es eigentlich gar nichts mehr zu entscheiden gibt. Denn Merkel hat sich entschieden. Und alle anderen sind sowieso für Gauck. Statt harter Debatten gibt es Bouletten mit Kartoffelsalat. Und irgendwann steht dann dieser ältere, leicht zerknautscht wirkende Herr im Raum, mit Tränen in den Augen. Essen konnte er nichts, und Angst hatte er, etwas Falsches zu sagen. Die Kandidatensuche ist zu Ende.