Parteien werden temporäre Sammelbecken

"Es ist ja kein Zufall, dass sich hierzulande seit rund hundertfünfzig Jahren stabile politische Cluster gebildet haben, die sich immer irgendwie entlang der Begriffe konservativ, liberal, sozialdemokratisch organisieren. Politik ist eben nicht nur der Streit um Sachfragen, sondern auch die Auseinandersetzung um verschiedene Welt- und Menschenbilder. Deshalb bin ich überzeugt, dass es auch in vierzig Jahren noch die repräsentative Demokratie und unterschiedliche Parteien geben wird, die die Politik bestimmen werden. Das wird auch deshalb so sein, weil kein Bürger sich um alle Themen kümmern kann, er nicht genügend Zeit hat, sich in ausreichender inhaltlicher Tiefe damit zu beschäftigen oder sie ihn gar nicht interessieren. Weshalb er Themen an Leute delegieren können muss, die so ähnlich denken wie er selbst und denen er vertraut.

Dennoch werden sich die Parteien als Organisationen nach meiner Überzeugung sehr stark verändern. Ihre Orientierung an herkömmlichen Milieus und dem Wohnortprinzip entspricht längst nicht mehr unserer mobilen Gesellschaft. In Zukunft werden Parteien eher aus einem vermutlich kleineren Kern von Leuten bestehen, die sich zeitlich sehr intensiv engagieren, ihr eine weltanschauliche Richtung geben und Programme formulieren. Um diesen Kern aber werden sich viele Menschen sammeln, die sich bei einzelnen Themen, Kandidaten oder Kampagnen stark engagieren und mitentscheiden und danach wieder weniger oder auch für einige Zeit gar nicht mehr. Parteien werden sich also in offenere, stärker atmende Organisationen verwandeln."

Bürger werden starke Anwälte Ihrer selbst

"Die Bürger, denen ich begegne, sind im Grunde sehr interessiert an der Politik, und sie sind sehr gut informiert. Vor allem aber sind sie Fachleute in ihren eigenen Themen. Das ist gut, wenn es um konkrete Fragen am Ort geht. Denn wo früher Fachleute Konzepte entwickelten, können das die Bürger heute oft schon selbst tun. Wichtig ist nur, dass diese Prozesse sehr gut moderiert werden und die Politik ihre Ergebnisse am Ende ernst nimmt. Dann können über solche Verfahren nicht nur Entscheidungen herbeigeführt, sondern es kann auch gesellschaftlicher Frieden hergestellt werden. Sehen Sie beispielsweise das Rauchverbot in Bayern : Da gab es eine Volksabstimmung, und heute ist die große Mehrheit mit dem Ergebnis einig.

Schwieriger wird sein, dass den Bürgern oft der Blick aufs große Ganze fehlt – im Sinne der Komplexität von Entscheidungen. So gut, wie sie um die eigenen Wünsche und Rechte wissen, so sehr lassen sie manchmal außer Acht, welche Wirkung ihr Verhalten anderenorts hat. Dieses punktuelle Interesse hat auch den Effekt, dass viele Bürger im Moment der Wahl eher nach Gefühl abstimmen, weil sie die Themen der Parteien nicht überblicken und noch weniger erinnern, welche Haltung die eine oder andere Partei vor einem Jahr zu diesem oder jenem einnahm. Für die Politik erwächst daraus zukünftig die schwierige Aufgabe, einerseits die Bürger am politischen Prozess viel stärker als heute zu beteiligen und andererseits auch gegen starke Einzel- oder Gruppeninteressen die großen Zusammenhänge im Blick zu behalten."