Sogar bei seinem letzten Auftritt lassen sie ihn nicht in Ruhe. Als Adolf Sauerland , der nun abgewählte Oberbürgermeister , die paar Schritte von seinem Auto zum Rathaus läuft, das so viel Jahre sein Rathaus war, muss er vorbei an seinen feiernden Gegnern. Rund 50 jubelnde Duisburger stehen da, sie schießen Raketen in die Luft.

Unter Buhrufen bahnt sich Sauerland den Weg, stellt sich dann ein letztes Mal vor die blaue Wand mit dem Logo seiner Stadt. Dann spricht er, mit stockender Stimme, schwer atmend. Dass er das Votum der Bürger natürlich akzeptiere, auch wenn er sich "ziemlich sicher" gewesen sei, dass es anders ausgeht. Kaum drei Minuten dauert seine letzte Rede. Die Loveparade gehöre genauso wie "kommunalpolitische Erfolge" zu seiner Amtszeit, sagt Sauerland. Von eigenen Fehlern kein Wort, auch heute nicht. Er schließt mit den Worten: "Gott schütze die Stadt Duisburg ." Dann verschwindet er so schnell, wie er gekommen war. Es ist der unspektakuläre Schlusspunkt einer anderthalbjährigen, unseligen Hängepartie.

129.626 Duisburger haben sich an diesem Sonntag gegen ihren umstrittenen Oberbürgermeister gestellt. Das sind mehr als 85 Prozent aller abgegeben Stimmen und rund 35,52 Prozent aller Wahlberechtigten. Damit haben die Duisburger Abwähler das erforderliche Quorum von 25 Prozent so deutlich übertroffen, wie es selbst die größten Optimisten unter ihnen kaum zu hoffen gewagt hatten. Zum ersten Mal in der Geschichte Nordrhein-Westfalens haben Bürger ihr eigenes Stadtoberhaupt direkt aus dem Amt gewählt. Ein Vorgang, der in seiner Einzigartigkeit passt zum so einzigartigen Schicksal Duisburgs in den vergangenen knapp 20 Monaten, seit jener Katastrophe am 24. Juli 2010, als bei der Loveparade 21 Menschen starben.

Dabei war der selbst Wahltag noch geprägt von nervöser Spannung, besonders bei den Abwahl-Initiatoren selbst. Im Rathaus, wohin man sie geladen hatte, liefen sie von Grüppchen zu Grüppchen, wurden von Journalisten belagert. So aufgedreht waren Sauerlands Gegner, dass sie irgendwann Wetten abschlossen auf das exakte Ergebnis: Fünf Euro Einsatz, der Gewinner bekommt alles. Natürlich tippten sie alle auf Sieg.

Manche weinen vor Erleichterung

Um kurz vor 19 Uhr gingen bereits Gerüchte um, dass Sauerland abgewählt sei, aber offiziell bestätigen wollte es da noch niemand. Man konnte aber Ralf Jäger beobachten, den aus Duisburg stammenden SPD-Innenminister von NRW , wie er im Vorbeigehen bestimmt und vielsagend herübernickte zu Theo Steegmann, einem der Sprecher der Abwahl-Initiative. Jäger, so hörte man später, wusste da wohl bereits Bescheid. Dann vermeldeten erste Medien die Niederlage Sauerlands, aber weil es noch keine offizielle Bestätigung gab, mussten Steegmann und Co. weiter zittern. Als Stadtdirektor Peter Greulich, einer der letzten engen Verbündeten Sauerlands, um kurz nach halb acht das Ergebnis verkündet, explodiert der Jubel im Rathaus. Manche weinen vor Erleichterung.

Später am Abend, nur einige hundert Meter vom Rathaus entfernt, feiern die Sauerland-Gegner in ihrer Stammkneipe ihren Triumph. Mindestens hundert Leute drängen sich hier, sie liegen sich in den Armen und können selbst kaum fassen, wie deutlich sie am Ende gewonnen haben. "Jetzt können wir endlich wieder mit erhobenem Haupt nach vorne blicken", ruft Bündnis-Sprecher Steegmann unter Applaus.

Nach vorne blicken, das tun die Parteien schon. Ralf Jäger kündigt für die SPD an, dass man schon am kommenden Tag die Gespräche "mit allen Kräften, auch der Bürgerinitiative" suchen werde, um einen breiten Konsens für einen Neuanfang zu finden. Eine Vertreterin der Grünen preist ganz grundsätzlich das bürgerschaftliche Engagement und die Linke verbucht die Abwahl kurzerhand als eigenen Erfolg, weil sie auf Landesebene das entsprechende Gesetz angestoßen habe. Auch das ist eine Konsequenz der heutigen Abwahl: Jetzt, wo der übergroße Blitzableiter Sauerland demontiert wurde, werden die alten, normalen Rituale und Gräben der Parteipolitik wieder sichtbarer. Man kann das bedauern, aber in Duisburg hat man in den vergangenen Monaten erfahren, dass es wirklich Schlimmeres gibt.