Formal gibt es seit Montag eine Lösung im abstrusen Spitzenkandidaten-Streit der Grünen . Eine Doppelspitze soll die Partei in den Bundestagswahlkampf führen, darauf haben sich die Führungsgremien geeinigt: Zwei Spitzenkandidaten wird es also geben, nicht nur einen oder gar vier, wie in den letzten Tagen ebenfalls diskutiert. Parteichefin Claudia Roth betonte am Montag nach der Sitzung von Grünen-Vorstand und Parteirat, es freue sie am meisten, dass außerdem eine verbindliche Frauenquote beschlossen wurde. Mindestens eine Frau muss demnach im Team dabei sein, "es können aber auch zwei sein."

Basisdemokratie sieht anders aus

Welche grünen Persönlichkeiten diese Doppelspitze aber ausfüllen sollen, ist weiter unklar. Auch ist nicht geklärt, ob die 59.000 Parteimitglieder per Urwahl über ihren Lieblingskandidaten für ein solches Führungsteam abstimmen dürfen. Das sollen sie nämlich nach dem Gremienbeschluss nur können, wenn es mehr als zwei Bewerber gibt – also mehr Interessenten als Plätze im Spitzenteam. Sonst entscheidet der Parteitag im November über ein bereits gesetztes Personaldoppel. Echte Basisdemokratie sieht anders aus.

Das komplizierte Prozedere, es ist Ausdruck und Symbol dafür, dass bei den Grünen im Moment jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird . Der Formelkompromiss soll nun die tiefen Gräben verbergen, die sich in den vergangenen Tagen in der Parteiführung zwischen den einzelnen Akteuren für die Öffentlichkeit gut sichtbar aufgetan haben: Jeder lästert über jeden in der vierköpfigen Parteiführung, interne Informationen werden an die Presse durchgestochen, Absprachen nicht eingehalten.

"Claudia hat die Einserspitze totgemacht"

Es ist kein gutes Bild für eine Partei, die zu ihrem höchsten Gut die Glaubwürdigkeit zählt. Vor dem Beschluss zur Urwahl ging es am Montag im Parteirat entsprechend turbulent zu. Heftige Kritik bekam vor allen Roth zu hören, weil sie eine alleinige Spitzenkandidatur Jürgen Trittins durch ein Interview quasi unmöglich gemacht hatte. "Claudia hat die Einserspitze totgemacht und alles auf die Urwahl verengt", so die Lesart bei den Realos. Dass man sich am Ende doch auf eine Urwahl – unter Konditionen – einigte, ist dabei wohl vor allem der Angst vor weiteren Negativschlagzeilen geschuldet. "Wir haben keine Personaldebatte", behauptete Roth tapfer in der Pressekonferenz nach Parteirat und Bundesvorstand – und erntete Gelächter.

Um den Streit zu verstehen, muss man zwei Wochen zurückgehen . Da traf sich der Realo-Flügel der Partei zur Klausur. Einige Vertreter thematisierten in der internen Sitzung, dass sie sich für 2013 eigentlich nur noch den Parteilinken Trittin als erfolgsversprechenden Kandidaten vorstellen könnten. Schließlich ist die führende Realo-Frau, Fraktionsvorsitzende Renate Künast , seit der enttäuschenden Berlin-Wahl angeschlagen und Realo-Bundeschef Cem Özdemir traut sich die Kandidatur noch nicht mal selbst zu – offiziell, weil er kein Bundestagsmandat hat und ihm somit im Wahlkampf wichtige öffentliche Profilierungsauftritte fehlen könnten.