Was für ein schöner Freitagvormittag. Die Sonne scheint ins Reichstagsgebäude. Die politischen Streitigkeiten ruhen für eine Weile. Alexander Dobrindt und Klaus Ernst sind normalerweise politische Erzfeinde. Heute kommt es vor, dass sie zeitgleich zustimmend nicken. Aber nicht nur CSU und Linke klatschen mehrfach einträchtig zu denselben Sätzen, sondern das ganze Plenum.

Es ist die Stunde des neuen Bundespräsidenten, der an diesem Vormittag in einer gemeinsamen Sitzung von Bundestag und Bundesrat vereidigt wird. Die meisten Anwesenden haben Gauck am vergangenen Sonntag in der Bundesversammlung gewählt . Der neue Präsident ist bei Bevölkerung und Medien beliebt. Kein Grund also für Trübsaal und Meckereien.

Von dieser Stimmung profitiert auch Gaucks Amtsvorgänger, der unter weniger schönen Begleitumständen Bellevue verlassen musste . Christian Wulff wohnt der Zeremonie im Reichstag ebenfalls bei. Er wird begleitet von seiner Frau Bettina. Das junge Ex-Präsidentenpärchen sieht entspannter aus als noch vor einigen Wochen. Sie hat eine neue Frisur. Er lächelt wieder. Beide werden mit höflichem Applaus von allen Fraktionen bedacht.

Wulff zu danken, sei ein "Gebot der Redlichkeit", sagt Norbert Lammert . Es klingt ziemlich mitleidig. Der Bundestagspräsident eröffnet die Sitzung, will sich aber nicht lange mit der Vergangenheit aufhalten. Lammert , der nach dem Wulff-Rücktritt selbst als Kandidat gehandelt wurde, geht es um eine Würdigung des Neuen. Es klingt freundlich, aber nicht ganz so launig wie sonst, als Lammert "das große Vertrauen", das auf Gauck ruht, und "die Woge der Sympathie", die ihn trägt, betont. Er hoffe sehr, dass es so bleibt, endet Lammert.

Wie ein Klassenclown beim ernsten Referat

Danach ist Horst Seehofer in seiner Eigenschaft als Bundesratspräsident an der Reihe. Der bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef hatte das höchste Staatsamt in der Vakanz nach dem Wulff-Rücktritt übergangsweise ausgefüllt .

So richtig präsidial ist Seehofer nun aber nicht. Er ist eher bekannt für seinen frotzeligen Humor und Eigensinn. Entsprechend fangen die anderen Ministerpräsidenten an zu kichern, als Seehofer zur Laudatio ans Pult tritt. Er wirkt ein wenig wie ein Klassenclown, der nun ein ernstes Referat halten muss. Allerdings klappt es dann ganz gut, ohne Clownerien und recht höflich lobt auch Seehofer Gauck als Vorbild und Identifikationsfigur.

Und dann kommt Gauck selbst. Um 9.22 Uhr wird er vereidigt. Danach hält er seine Antrittsrede . Er ist, mal wieder, der beste Rhetoriker an diesem Vormittag. Matthias Platzeck und andere Politiker sind so gebannt, dass sie zwischenzeitlich die Hände vor den Mund halten.