Großer Bahnhof für Winfried Kretschmann in Biberach. Der grüne Ministerpräsident schüttelt bei seinem Antrittskreisbesuch Bürgermeistern und Kreisräten die Hand und trägt sich ins Goldene Buch der Stadt ein. Der Tross aus Amts- und Würdenträgern zieht später in die Kirche St. Martin zum ökumenischen Gottesdienst, ein Programmpunkt, den der katholische Ehrengast gerne absolviert. Da reiht sich kurz vor Schließung der Kirchentür, fast unbemerkt, Gerlinde Kretschmann ein. Sie ist mit der Regionalbahn angereist. Der vom Biberacher Landrat in Bereitschaft gehaltene Limousinendienst für die First Lady bleibt stehen. Davon können sich einige um die Sicherheit des Paares besorgte Menschen den Rest des Tages nicht mehr erholen.

Viele im Südwesten lieben ihren Ministerpräsidenten für solch ganz und gar unwulffische Alltagsgebaren. Winfried Kretschmann hat, ein Jahr nach seiner Wahl, in charakterlicher Hinsicht alles gehalten , was man sich von seiner Person versprochen hat. Kretschmann-Anhänger sehen einen unglamourösen Mann und einen manchmal pastoral daherkommenden Redner, der stets die Gewissenskämpfe durchscheinen lässt, die er mit sich selber führt.

Für Gegner, Skeptiker und die Spin-Doktoren der Neuzeit ist dieser Regierungschef, aus dessen Sprache sich das schwäbische Idiom nicht austreiben lässt, jener ältlich wirkende Herr geblieben, von dem unklar ist, woher seine Anziehungskraft stammt. Selbst Parteifreunden ist das bis heute nicht ganz deutlich. "Winfried Kretschmann ist der uncharismatischste Charismatiker, den ich je kennengelernt habe", sagt beispielsweise der grüne Abgeordnete Manfred Lucha.

Der Opa mit den weißen Stehhaaren

Weite Teile der Landes-CDU neigen bis heute dazu, die Wahlniederlage am 27. März 2011 als Unfall der Geschichte zu deuten. Die Proteste gegen Stuttgart 21 hätten die Mappus-Regierung zum Wackeln, Fukushima zum Einsturz gebracht, hört man immer wieder; nicht aber der Opa mit den weißen Stehhaaren aus Sigmaringen-Laiz, der die Welt des schwäbischen Dorfes verkörpere und keine Vision habe von der Zukunft urbaner Gesellschaften. Die Sitzungen des Stuttgarter Landtags sind inzwischen geprägt von den wütenden Zwischenrufen der Opposition. Mit "Fundamentalopposition" sehe er sich andauernd konfrontiert, klagte Kretschmann unlängst. "Mir ist das zu grob."

In den ersten Monaten nach dem Regierungsantritt drohte die Arbeit der grün-roten Landesregierung hinter dem Großthema Stuttgart 21 gänzlich zu verschwinden. Wetten liefen, wie lange diese Koalition überhaupt halten würde. Als im November 2011 die Volksabstimmung vorbei war , als der Widerstand der Straße allmählich in sich zusammen zu fallen begann, da erst begann sich jener Kretschmann klarer abzubilden, mit dem es der Südweststaat in den kommenden Jahren zu tun haben wird. Das Bahnthema, das nur Sieger und Verlierer zu erzeugen erscheint, fiel von ihm ab wie ein schwerer, nasser Mantel.

Es trat hervor: ein Verhandler, ein Pragmatiker, ein Mann gemessener Schritte, der aus Erfahrung weiß, dass Zwischenspurts auf einem langen Weg nur Kraft kosten. Kretschmann-Gegner hatten die Enttarnung eines verkappten Weltverbesserers erwartet, eines Straßenverhinderers, sie hielten ihn für den Stock in der Speiche der so wichtigen baden-württembergischen Autoindustrie.

Porsche und Mercedes melden Rekordgewinne

Aber auch hier irrten sich die Pessimisten. Porsche und Mercedes haben kürzlich erst Rekordgewinne vermeldet und Rekordprämien an ihre Mitarbeiter ausgeschüttet. Natürlich ist das kein Zeichen einer eigentlich autofreundlichen Haltung der Grünen . Sondern vielmehr des kaum wahrnehmbaren Einflusses von Landespolitik auf globalisierte Unternehmen.

Dort, wo Landespolitik wirken kann, etwa in ihren Kernfeldern Bildung oder Sicherheit, da blättert und bröselt hingegen der Lack, mit dem die schöne Koalitionsvereinbarung angepinselt wurde.

Landräte und Bürgermeister laufen derzeit Sturm gegen eine große Polizeireform, in der die 34 Polizeidirektionen zu einigen wenigen Landespräsidien zusammengefasst werden sollen. Die Kretschmann-Regierung will ihre Mittelbehörden, die vier sogenannten Regierungspräsidien, bald komplett abschaffen – und erntet auch dafür vielfach Wut und Unverständnis. Im Bildungssektor gerät die – von den Grünen im Kern abgelehnte - Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium im Rahmen eines laufenden Projekts zur neuerlichen Zerreißprobe zwischen den Koalitionspartnern.

Schulden trotz sprudelnder Steuermehreinnahmen

Nach zwei Jahren ohne Neuverschuldung plant die Regierung für den Haushalt 2013 und 2013 angesichts eines Defizits von erwarteten fünf Milliarden Euro wieder eine Kreditaufnahme von bis zu zwei Milliarden Euro. Der aktuelle Schuldenstand des Landes beträgt, trotz sprudelnder Steuermehreinnahmen, knapp 42 Milliarden Euro. CDU und FDP halten Kretschmanns Vorhaben für einen Rechtsbruch der geltenden Haushaltsordnung und kündigen Widerstand an.

Es ist davon auszugehen, dass nicht nur eingefleischte Gegner des Stuttgarter Tiefbahnhofs inzwischen bereuen, ihr Kreuzchen bei den Grünen gemacht zu haben. Mit Spannung wird auf die nächsten Umfragen gewartet. Die letzte datiert vom November 2011 . Vorerst wartet die Universität Mannheim mit einer Untersuchung über Sympathiewerte auf. Dort untersucht der Juniorprofessor Thorsten Faas, unter anderem durch Online-Umfragen, seit 2009 das Wählerverhalten in Baden-Württemberg . Die Ergebnisse sind auch auf ZEIT ONLINE veröffentlicht . Seit seinem Amtsantritt, so Faas, habe Winfried Kretschmann stetig mehr Sympathiepunkte gesammelt als die Partei der Grünen insgesamt . Mehr denn je gelte der Ministerpräsident als "authentisch und glaubwürdig".

Unablässig fliegen im Ländle die Pfeile in Richtung des Regierungschefs, aber Kretschmann scheint unter seiner Kleidung eine Art Schutzpanzer zu tragen. Er selber weigert sich, das zu glauben, geschweige denn damit zu charmieren. "Das Regieren ist kein Spaziergang auf dem Ponyhof", hat er mal gesagt, nicht wie ein Triumphator, sondern wie ein Mann, der sich jeden Tag aufs Neue mühen muss. Womöglich ist das Kretschmanns ganzes Geheimnis: dass seine Zuhörer es immer wieder leicht haben, sich selbst in ihm zu erkennen.