Norbert Röttgen, der Zauderer – Seite 1

Norbert Röttgen hat derzeit ein Problem, das für einen Spitzenkandidaten eigentlich keines sein sollte: Er beherrscht die Schlagzeilen. Nur ist es eben keine klare Botschaft, sondern eher ein großes Fragezeichen, dem der Umweltminister das zu verdanken hat.

Schuld daran ist er ganz allein. Röttgen hat zwar angekündigt, die CDU in Nordrhein-Westfalen in den Landtagswahlkampf zu führen. Aber er lässt das ganze Land in Unklarheit darüber, was er für seine politische Zukunft plant.

Bleibt er auch im Falle einer Wahlniederlage in Düsseldorf oder will er doch lieber Umweltminister in Berlin bleiben? Der Bild -Zeitung sagte Röttgen, dass er einen Wechsel auch als Oppositionsführer nach Düsseldorf nicht ausschließt. Gleichzeitig schränkte er ein: "Wir entscheiden am Wahlabend, was zu tun ist, wenn das Wahlziel nicht erreicht sein sollte."

Röttgen könnte demzufolge nach Berlin zurückkehren, wenn er nicht Ministerpräsident wird. Allerdings soll ihm auch die Kanzlerin nahegelegt haben , ohne wenn und aber in den Landtagswahlkampf zu ziehen.

"Wir werden dieses Thema nicht los"

Offiziell hält die CDU an der bisherigen Linie fest. Eine Entscheidung über seine Zukunft werde Röttgen wie vereinbart nach der Wahl treffen, heißt es aus dem nordrhein-westfälischen Landesvorstand.

Doch das dürfte Röttgen kaum durchhalten. Dass ihn CSU-Chef Horst Seehofer und FDP-Generalsekretär Patrick Döring auffordern, für Klarheit zu sorgen, könnte er vielleicht noch aussitzen. Doch der Druck kommt zunehmend auch aus den eigenen Reihen.

"Wir werden dieses Thema nicht los, in dem wir sagen, die Menschen haben jetzt andere Interessen", sagt etwa der aus Nordrhein-Westfalen stammende CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach. Es könne niemandem gefallen, wenn diese Frage weiter offen bleibe.

Am Montagabend trifft sich die Landesgruppe der nordrhein-westfälischen Bundestagsabgeordneten, deren Vize-Vorsitzender Röttgen ist. Dann soll das Thema auf den Tisch kommen. Auch bei der Vorstandssitzung der NRW-CDU am Nachmittag hätte Röttgen Gelegenheit, sich zu erklären.

Die Erwartungshaltung der Basis ist eindeutig

Die Erwartungshaltung der Basis sei eindeutig, berichtet ein Wahlkämpfer. Die normalen CDU-Mitglieder wollten, dass Röttgen sich ganz für das Land entscheide. "Du aber stärke Deine Brüder" – mit diesem Bibelzitat lasse sich die Stimmung zusammenfassen.

Auch NRW-Generalsekretär Oliver Wittke bestätigte indirekt, dass viele Mitglieder sich wünschen, Röttgen möge ohne Rückversicherung in Nordrhein-Westfalen kämpfen. "Es wäre falsch, wenn Röttgen sich dem Druck der Medien und der Parteibasis beugen würde", warnte er nämlich.

Rational ist der Wunsch der Basis nicht unbedingt. Schließlich ist offen, wie stark die CDU von einer solchen Alles-oder-Nichts-Entscheidung tatsächlich profitieren würde. Zudem bliebe Röttgen auch im Fall einer Niederlage Landesvorsitzender und – so könnte er argumentieren – könnte als einflussreicher Minister in Berlin für sein Land mehr erreichen als als Fraktionschef in Düsseldorf.

Am Ende dürfte alles davon abhängen, ob Röttgen tatsächlich die Chuzpe hat, seine eigenen Karrierechancen über die Wünsche an der Basis zu stellen, die davon ausgeht, dass sie mit einem Röttgen, der sich klar zum Landtag bekennt, mehr Prozentpunkte holen würde.

Das Interesse der Kanzlerin

Gegenwärtig scheint ziemlich klar, dass Röttgen die Wahl kaum gewinnen kann, vor allem weil er keinen Koalitionspartner hat. Entscheidet er sich ganz für Düsseldorf, scheint der Weg auf die Oppositionsbank vorgezeichnet. Statt als Minister das Jahrhundertprojekt Energiewende voranzutreiben, müsste er sich mit den nordrhein-westfälischen Schulden herumschlagen.

Selbst Abgeordnete, die damit rechnen, dass Röttgen sich am Ende für die Landespolitik entscheiden wird, bedauern das zutiefst. "Es zerreißt mich fast", sagt etwa der nordrhein-westfälische Sozialpolitiker Karl Schiewerling. "Röttgen wird hier in Berlin dringend gebraucht. Er macht einen hervorragenden Job".

Auch Angela Merkel dürfte es eher bedauern, wenn ihr einer der wichtigsten Minister abhanden käme. Zwar steht Röttgen seit Merkels verblüffender Energiewende 2011 ein bisschen wie ein Sieger auch über die Kanzlerin da. Schließlich hatte er sich schon immer für einen schnelleren Ausstieg aus der Atomenergie ausgesprochen als Merkel. Doch wie man weiß, hat Merkel ihre Politik der abrupten Kehrtwenden bisher nie geschadet.

Röttgen nicht unersetzbar

Selbst wenn Röttgen als einer ihrer aussichtsreichsten Nachfolger gilt, braucht Merkel ihn derzeit kaum zu fürchten. Gewinnt sie die Wahl 2013, bleibt sie Kanzlerin, wenn sie möchte mindestens bis 2017. Findet sich die Union dagegen in der Opposition wieder, ist ohnehin schwer vorstellbar, dass Merkel als Partei- und Fraktionschefin weitermachen würde, ganz unabhängig davon, welche Rolle Röttgen dann gerade spielt.

Gleichwohl wäre Röttgen in Berlin nicht unersetzbar. Ein Szenario, das bereits kursiert, sieht vor, dass der bisherige Kanzleramtschef Ronald Pofalla sein Nachfolger werden könnte. Er selbst könnte in seiner bisherigen Funktion vom Parlamentarischen Geschäftsführer Peter Altmaier ersetzt werden, dem ein guter Draht zu Merkel nachgesagt wird. Dagegen gab es an der Amtsführung von Pofalla schon viel Kritik.

Eine weitere Kandidatin für das Amt des Umweltministers könnte Hildegard Müller sein, auch sie eine enge Merkel-Vertraute und früher Staatsministerin im Kanzleramt. 2008 wechselte sie zum Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft. Zugute käme ihr, dass sie aus Nordrhein-Westfalen käme, also den Regionalproporz nicht durcheinander brächte. Dies gilt nicht für die frühere Umweltministerin in Baden-Württemberg, Tanja Gönner , die sonst sicher eine geeignete Nachfolgerin wäre.

Wie immer sich Röttgen also entscheidet, die nächsten Tage werden spannend.