Die Szene, die das Dilemma des Norbert Röttgen am besten zeigt, man kann sie sich immer wieder ansehen, sie ist in der ARD-Mediathek abrufbar. In der Brennpunkt-Sondersendung von Dienstagabend ist da bei 14 Minuten und 41 Sekunden zu sehen, wie Röttgen , seit ein paar Stunden Spitzenkandidat der NRW-CDU für die plötzlich anstehende Neuwahl , gefragt wird: "Wenn Sie verlieren sollten, gehen sie dann auch nach Düsseldorf ?" Der Bundesumweltminister antwortet: "Ich trete an, um Ministerpräsident zu werden, das ist unser Ziel. Dafür, dass die CDU die stärkste Partei wird. Das ist das, was wir heute beantworten, und alle anderen Fragen stellen sich vielleicht später." Da muss selbst der Interviewer kurz auflachen.

Denn dass Norbert Röttgen am Ende der Gewinner sein wird, ist äußerst unwahrscheinlich. Die FDP ist viel zu schwach, um ihm zum Sieg zu verhelfen, und SPD und Grüne wollen gemeinsam regieren und sich keinesfalls auf ein Bündnis mit der CDU einzulassen.

Wenn aber Norbert Röttgen, der als Bundespolitiker in seinem NRW-Verband sowieso schon keine besonders große Machtbasis hat, sich bereits jetzt die Tür offenhält, bei einer Niederlage einfach in Berlin bleiben zu können – wie überzeugend kann er dann in Nordrhein-Westfalen als Kämpfer für die Belange des Landes auftreten? Das ist das Dilemma des Norbert Röttgen, das ihm persönlich, aber auch der NRW-CDU in den kommenden Wochen wohl massiv zu schaffen machen wird.

Röttgen selbst hat diese Situation herbeigeführt: Im November 2010 kämpfte er wochenlang und mit harten Bandagen dafür, Landesvorsitzender in Nordrhein-Westfalen zu werden. Sein Gegner war damals der Ex-Landesintegrationsminister Armin Laschet , ein echter Landespolitiker, der den Posten auch haben wollte. Röttgen wollte die CDU im Westen unbedingt anführen. Deshalb muss er jetzt auch als ihr Spitzenkandidat in den Wahlkampf. Alles andere wäre inkonsequent, niemand hätte verstanden, wenn er jetzt, da es wirklich ernst wird, einen Rückzieher gemacht hätte.

Das erste Wahlplakat

Am Mittwoch, der Landtag war noch nicht einmal aufgelöst, stürzte sich der Bundesminister bereits in den Wahlkampf. Vor dem Landtagsgebäude posierte er mit einem eilends herbei gekarrten ersten Wahlplakat, " NRW hat die Wahl: Schuldenstaat oder Zukunft für unsere Kinder".

Wie sehr Röttgen sich aber wirklich im Wahlkampf engagieren kann, ist noch völlig offen. Schließlich muss er parallel ein Bundesministerium führen . Wird er da überhaupt genug Zeit haben, um über die Marktplätze im Westen zu tingeln? Dieser Frage ist er bisher ausgewichen, er hat nur darauf verwiesen, dass auch andere Bundespolitiker Landtagswahlkämpfe bestreiten würden. Das stimmt zwar, aber Positivbeispiele sind das nicht gerade: Die Grüne Renate Künast hatte auch deshalb keine Chance im Rennen um den Posten des regierenden Bürgermeisters in Berlin, weil sie nicht als Landes-, sondern als Bundespolitikerin auf Stippvisite wahrgenommen wurde.

In den ersten Auftritten deutet sich bereits an, dass Röttgen sein Ministeramt als Kapital einzusetzen versucht. Er lobt die Energiewende, die er mit umsetzt, als "ökonomische und ökologische Erfolgsgeschichte", und stichelt in Richtung der NRW-Regierung, diese habe "nicht ansatzweise" ähnliches hinbekommen. Die Botschaft ist klar: Ich mache große Politik, ihr kriegt selbst im Kleinen nichts auf die Reihe.