Die Bundesversammlung hat Joachim Gauck wie erwartet im ersten Wahlgang zum neuen Bundespräsidenten gewählt. Für den ehemaligen DDR-Bürgerrechtler und Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde stimmten 991 Wahlmänner und -frauen – gut 80 Prozent der Stimmen. Dies gab Bundestagspräsident Norbert Lammert nach Auszählung der Stimmen bekannt. Zur absoluten Mehrheit waren mindestens 621 Stimmen nötig.

Die von der Linkspartei aufgestellte Gegenkandidatin Beate Klarsfeld erhielt 126 Stimmen. Damit stimmen für die als Nazi-Jägerin bekannt gewordene Journalistin mindestens drei Vertreter anderer Parteien – die Linkspartei stellte 123 Delegierte. Auf den Kandidaten der rechtsextremen NPD , Olaf Rose, entfielen 3 Stimmen. Es gab 108 Enthaltungen.

Ein Sieg des früheren DDR-Bürgerrechtlers Joachim Gauck hatte bereits im Vorfeld als sicher gegolten. Der 72-jährige parteilose Theologe wurde von CDU , CSU , FDP, SPD und Grünen unterstützt, die zusammen über 1.100 Wahlleute verfügten. So haben mindestens 103 Delegierte aus dem eigenen Lager Gauck die Stimme versagt. Gauck selbst musste das Geschehen von der Zuschauertribüne verfolgen. Nur Mitglieder der Bundesversammlung dürfen im Saal sitzen.

Nach Bekanntgabe des Ergebnisses sagte Gauck, er nehme das Amt mit Dankbarkeit an: "Ich werde mit all meinen Kräften und meinem Herzen 'Ja' sagen zu der Verantwortung, die Sie mir heute gegeben haben." In einer kurzen Rede räumte er ein, "ganz sicher nicht alle Erwartungen erfüllen zu können", die in den kommenden fünf Jahren an ihn gerichtet würden. Er erinnerte auch an seine erste freie Wahl zur DDR-Volkskammer am 18. März vor 22 Jahren. Auch als Präsident könne er sich die Welt und das Land nicht denken ohne Freiheit und Verantwortung.

Diskussionen um Enthaltungen

Die hohe Zahl von Enthaltungen sorgte anschließend für Diskussionen. Bei der SPD mutmaßte man, die Enthaltungen stammten vor allem aus dem Lager der Union. Der Fraktionsgeschäftsführer der Sozialdemokraten, Thomas Oppermann , sagte: "Da ist bei der Union offensichtlich nicht geschlossen abgestimmt worden. Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) wollte in der Zahl der Enthaltungen kein Problem sehen: "Das ist Ausdruck der Ehrlichkeit dieser Versammlung", sagte er dem Fernsehsender n-tv . Die CSU-Landesgruppenchefin im Bundestag, Gerda Hasselfeldt , sprach von einem "überwältigenden Ergebnis" für Gauck. 

Fünfjährige Wahlperiode wieder einhalten

Vor der Wahl Gaucks hatte sich Bundestagspräsident Norbert Lammert kritisch über den zweimaligen vorzeitigen Wechsel im Bundespräsidentenamt geäußert. Zum Auftakt der Bundesversammlung sagte er, es gelte, "die politische Realität wieder näher an die Verfassungsnorm zu bringen". Nach dem Grundgesetz werde der Bundespräsident für fünf Jahre gewählt – dies solle auch so bleiben.

Zum Rücktritt von Christian Wulff nach nur 20 Monaten als Staatsoberhaupt sagte Lammert, die Geschichte dieser kurzen Präsidentschaft werde zu einem späteren Zeitpunkt geschrieben werden. Bei der Bewertung des Rücktritts gehe es auch "um das Verhältnis von Amt und Person, um Erwartungen an Amtsträger, aber auch um die Rolle der öffentlichen und veröffentlichten Meinung."

Lammert schlug mit Blick auf die deutsche Revolution 1848 und die erste freie DDR-Volkskammerwahl 1990 für die künftige Wahl oder Vereidigung von Bundespräsidenten den 18. März vor. Bisher wird üblicherweise am 23. Mai gewählt, dem Verfassungstag.

Ein Satz aus Lammerts Rede zog vielfältige, teilweise empörte Reaktionen auf Twitter nach sich. Der Bundestagspräsident hatte im Hinblick auf den Umgang mit Christian Wulff gesagt: "Manches war weder notwendig noch angemessen, sondern würdelos – von der zunehmenden Enthemmung im Internet im Schutze einer tapfer verteidigten Anonymität gar nicht zu reden."

Amtseinführung voraussichtlich am Montag

Vor Beginn der Versammlung hatten sich die Bundestagsfraktionen noch einmal getroffen, um mit ihren Wahlmännern und Wahlfrauen die Wahl des neuen Bundespräsidenten vorzubereiten. Dabei gab es auch Zählappelle, um zu klären, ob alle Mitglieder der Bundesversammlung anwesend sind.

Die Bundesversammlung besteht aus den Mitgliedern des Bundestages und einer gleichen Anzahl von Delegierten, die von den Landesparlamenten gewählt werden. Von den insgesamt 1.240 Delegierten waren so gut wie alle anwesend. Dazu gehören auch Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, darunter prominente Schauspieler und Sportler.

Voraussichtlich am kommenden Montag soll Gauck in sein Amt eingeführt werden. Die Vereidigung des 11. Präsidenten vor Bundestag und Bundesrat ist für den kommenden Freitag vorgesehen.