Angela Merkel nimmt den Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen ernst: In den vier Wochen bis zum 13. Mai reist die Kanzlerin neun Mal in das bevölkerungsreichste Bundesland der Republik, um die dortige CDU zu unterstützen. Sie sei "öfter in NRW als Norbert Röttgen ", spottet man bei der SPD . Der christdemokratische Spitzenkandidat führt parallel zum Wahlkampf sein Bundesumweltministerium weiter – und ist deshalb deutlich wahrnehmbar nicht rund um die Uhr im Land präsent. Wenn er sich auch bemüht, diesen Eindruck nicht bestimmend werden zu lassen.

Röttgens Engagement in NRW könnte ein kurzes Gastspiel bleiben. Seine Chancen, Ministerpräsident zu werden, stehen nicht sonderlich gut. Die CDU liegt in den Umfragen seit der Neuwahl-Entscheidung konstant hinter der SPD. Die sozialdemokratische Amtsinhaberin Hannelore Kraft ist deutlich beliebter als er. Im Falle einer Niederlage erwägt Röttgen, als Minister in Berlin bleiben zu wollen. Selbst Parteifreunde werfen ihm nun Inkonsequenz und Halbherzigkeit vor, hatte er ursprünglich doch einmal angekündigt, als Spitzenkandidat auf jeden Fall nach Düsseldorf zu wechseln.

Linke, Piraten und Euro-Skeptiker protestieren

Nicht dort, sondern in Münster begann der Wahlkampf der CDU am Montagabend. Mit Röttgen – und mit der Kanzlerin. Auf dem großen Domplatz stehen schon lange vor ihrer Ankunft die Menschen dicht an dicht. "Mehr als 1.000" seien gekommen, verkündet die CDU stolz. Das Münsterland ist traditionell eine CDU-Hochburg. Als "positive Demonstration für die Demokratie" bezeichnet Röttgen den Andrang.

Aber auch einige Gegendemonstranten haben sich in der Studentenstadt unter das Publikum gemischt. Linke, Piraten, Greenpeace und Euro-Skeptiker schwenken Fahnen und Transparente. Die Jusos verteilen Flyer, die aussehen wie Bahntickets. Darauf steht: "Norbert Röttgen, 13. 5. 2012, Düsseldorf – Berlin".

Die Kanzlerin ist bei ihren Wahlkampf-Auftritten Zwischenrufer und Trillerpfeifen gewöhnt . Sie stören sie nicht sonderlich. Im Gegenteil. Auch in Münster nutzt Merkel den Protest einzelner, um die Mehrheit des Publikums hinter sich zu bringen. Sie wendet sich direkt an die Störer, macht sich über ihre Parolen lustig und fragt, ob sie nichts Besseres zu tun hätten. Das Publikum jubelt dann. Die Krakeeler geben kurz Ruhe. Und Merkel ist auf Betriebstemperatur.

Kraft ist seit Langem Merkels Anti-Heldin

Die Hauptadressatin von Merkels Kritik ist in Münster aber die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin. Schon in früheren Landtagswahlkämpfen diente Hannelore Kraft der Kanzlerin als Anti-Heldin, anhand derer sie illustrierte, wie schlecht Sozialdemokraten in ihren Augen regieren. Die neuen Milliardenschulden , die Kraft nach dem Machtwechsel 2010 im hoch verschuldeten Nordrhein-Westfalen aufnahm, bezeichnete Merkel bereits mehrfach als verantwortungslosen Populismus. In Münster sagt sie, Kraft mache "Schulden aus Prinzip". Wohin das führe, sehe man an den südeuropäischen EU-Ländern, die nun "die härtesten Maßnahmen" ergreifen müssten und kaum mehr "eigenständig entscheiden" dürften, weil sie andernfalls bankrott gingen.

Neben Merkel steht Röttgen auf der großen Bühne. Während sie redet, hört er demonstrativ zu und klatscht eifrig. Es ist sein erster Wahlkampf als Spitzenkandidat . Noch sitzt nicht jede Geste routiniert. Auch seine Rhetorik ist noch ausbaufähig. Eigentlich ist Röttgen ein guter Redner. Aber hier, vorm Dom in Münster, spricht er manchmal etwas zu hastig, zu geschwollen.