Wohl keine Zahl könnte die Existenzangst der Liberalen deutlicher umschreiben: 60 Prozent der Deutschen finden, dass die FDP als Partei nicht mehr gebraucht wird. Laut der Forschungsgruppe Wahlen, die den Wert vergangene Woche ermittelt hat, war die Ablehnung noch nie so deutlich: Noch im Januar sprachen nur 43 Prozent der Befragten der FDP ihre Daseinsberechtigung ab.

Nun sind die Erklärungen für das, was Politikwissenschaftler als die schwerste Krise der durchaus krisenerfahrenen Partei bezeichnen, bekannt: Sie hat ein Personal- und Führungsproblem und sich lange nur auf ein Thema (Steuersenkungen) versteift und dieses dann in Regierungsverantwortung nicht umgesetzt – bis auf eine umstrittene Entlastung für Hoteliers.

"Mit der FDP verbinden viele Wähler einfach nur noch soziale Kälte und Vetternwirtschaft", sagt der Berliner Politikwissenschaftler Jürgen Dittberner, selbst ein zauderndes Parteimitglied. Auch interne Parteianalysen belegen: Die Wähler, die sich in den vergangenen Monaten von der FDP abgewandt haben, werfen ihr vor, nur ein verlängerter Arm der Wirtschaft und thematisch verengt, somit fortschrittsfeindlich zu sein. Die meisten Ex-Sympathisanten der Liberalen sind demnach jetzt im Nichtwähler-Lager zu verorten. In der FDP hofft man, sie zurückholen zu können.

Wenig Stammwähler

Doch wer ist der typische FDP-Wähler und wer könnte es in Zukunft vielleicht werden? Einer, der das erforscht, ist Thomas Volkmann. Für die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung analysiert der Sozialwissenschaftler regelmäßig Daten der Meinungsforschungsinstitute. Laut seiner 2010 erschienenen Studie waren die FDP-Wähler der vergangenen zehn Jahre überdurchschnittlich gebildet, die Partei punktete vor allem bei Selbstständigen. Inhaltlich waren ihren Anhängern die Fragen der Wirtschaft und Steuergerechtigkeit wichtiger, als dem durchschnittlichen deutschen Wähler. Soziale Gerechtigkeit dagegen lag FDP-Wählern weniger am Herzen, als Wählern anderer Parteien. So weit, so erwartbar.

Steuern spielen keine Rolle mehr

Nur wenig treue Stammwähler hat die FDP: Zwischen drei und vier Prozent der Deutschen wählen sie aus Überzeugung und unabhängig davon, wie sie gerade in der öffentlichen Meinung dasteht. Es sind, wie Politikwissenschaftler Dittberner sagt, in etwa diejenigen, die auch bei den vergangenen Landtagswahlen der Partei die Treue hielten. Sozialwissenschaftler Volkmann hat auch die sieben für die FDP zumeist verlorenen Landtagswahlen 2011 analysiert. Er sagt: "Der verbliebene FDP-Wähler ist im Vergleich zu früheren Wahlen eindimensionaler geworden." So sei der treue Sympathisant der Liberalen klar auf das Thema Wirtschaftspolitik fokussiert, auch sei ihm die Bildung wichtig. Die Forderung nach Steuersenkungen habe hingegen bei der Wahlentscheidung im vergangenen Euro-Krisen-Jahr auch bei der FDP-Stammklientel keine Rolle mehr gespielt.

Auch deshalb ist im Entwurf des neuen Grundsatzprogramms der FDP wohl nur noch am Rande die Rede von Steuerpolitik. Vielmehr herrscht ein neuer Begriff vor: Wachstum. Philipp Rösler erhofft sich von dem Begriff ein neues Alleinstellungsmerkmal. Wachstum "steht für Wirtschafts- und Finanzkompetenz der FDP", sagte der Parteivorsitzende in einem Interview mit der Parteizeitschrift elde . Er wolle damit aber auch einen "gesellschaftspolitischen Anspruch" formulieren: Wachstum beinhalte ebenfalls Bildung, Forschung, ökologische Erneuerung.

Wirtschaft, Finanzen, Bildung. Genau die Leib- und Magenthemen der verbliebenen FDP-Stammwähler also. Doch wächst man damit? Reicht harte Ordnungspolitik wie im Fall Schlecker , klare Kante bei der Haushaltssanierung wie in NRW und das Festhalten am Gymnasium, um die Nicht- und Wechselwähler zurückzuholen, die potenziell auch mit der FDP sympathisierten?