ZEIT ONLINE: Herr Schlömer , wie definieren Sie Ihre Rolle als neuer Vorsitzender der Piraten? Als Hausmeister, Verwalter, Marionette oder Grüßaugust der Basis? So sehen viele Ihrer Parteifreunde den idealen Parteichef.

Bernd Schlömer: Ich bin wahrscheinlich so etwas wie ein Koordinator und Controller. Ich muss die Positionen, die von der Piratenpartei entwickelt werden, nach innen koordinieren und ausgleichen. Und ich muss die manchmal sehr techniklastige Sprache der Piraten nach außen übersetzungsfähig machen, damit die Öffentlichkeit versteht, worum es uns eigentlich geht. Sicher bin ich manchmal auch der Grüßaugust.

ZEIT ONLINE: Wie groß ist Ihr Spielraum als Parteichef? Dürfen Sie als Person überhaupt in Erscheinung treten? Der Begriff Marionette impliziert, dass sie nur sagen dürfen, was die Basis will.

Schlömer: Ich glaube es ist gut, wenn man ein Profil als Person hat. Das darf man dann ruhig auch zeigen. Es kommt darauf an, dass man anschaulich beschreiben kann, worum es geht.

ZEIT ONLINE: Werden Sie künftig Ihre eigene Meinung kundtun?

Schlömer: Ich werde durchaus Meinungen vertreten. Klar.

ZEIT ONLINE: Ihre eigene?

Schlömer: Wenn es nötig ist, dann ja. Aber persönlich gekennzeichnet.

ZEIT ONLINE: Von Ihrem Vorgänger Sebastian Nerz ist ja vor allem der Satz bekannt, seine persönliche Meinung sei irrelevant.

Schlömer: Das habe ich in meiner Antrittsrede explizit nicht gesagt. Ich finde es auch nicht richtig, wenn man meinungslos ist. Beliebigkeit führt zur Politikverdrossenheit. Es ist wichtig, eine Meinung zu haben.

ZEIT ONLINE: Gleichzeitig wollen sie stets die Meinung der Basis wiedergeben. Ist das nicht ein Spagat?

Schlömer: Doch, in gewisser Hinsicht schon. Aber es gibt ja auch Ereignisse, zu denen nicht direkt etwas im Parteiprogramm steht, zu denen man dennoch Äußerungen treffen kann. Ein Beispiel: Den Fall Timoschenko in der Ukraine kann man durchaus bewerten. Die Piraten haben in ihrer Präambel Grundaussagen getroffen, aus denen man Positionen ableiten kann, ohne die Meinungsbildung der Partei zu verletzen.

ZEIT ONLINE: Rücken die Parteien mit Ihnen nach links? Im Vorfeld des Parteitages hieß es oft, Sie stünden für einen sozialliberalen Kurs.

Schlömer: Kommt drauf an, was man unter sozialliberal versteht. Wenn man solidarisches Verhalten als Kriterium dafür heranzieht, würde ich sagen: Ja, ich bin ein sozialliberaler Mensch.

ZEIT ONLINE: Der Bild -Zeitung haben Sie gesagt: Wenn die Piraten 2013 in den Bundestag einziehen, werden wir über Koalitionen nachdenken . Wie ist der Satz gemeint: kausal oder temporal?

Schlömer: Temporal.

ZEIT ONLINE: Warum haben Sie das nicht auf dem Parteitag gesagt, sondern hinterher den Medien?

Schlömer: Warum sollte ich auf dem Parteitag Koalitionsaussagen tätigen? Dazu besteht kein Anlass. Das sollten Sie schreiben: Politik reduziert sich nicht auf Koalitionsaussagen!

ZEIT ONLINE: Aber sie sind auch nicht irrelevant.  Wer eine Partei wählt, will wissen, ob sie auch regieren will und kann.  Auch Ihre Basis beschäftigt sich damit.

Schlömer: Das muss dann letztlich auch die Basis entscheiden, die zur Wahl steht. Und erst mal müssen wir in die Parlamente einziehen. Wir sollten keinen Kuchen verteilen, der noch nicht gebacken ist. Ich glaube auch nicht, dass es für die Wähler das entscheidende Kriterium ist, welche Koalitionen es gibt, sondern was sich ändert.

In einem Jahr ein Wahlprogramm, das die Menschen interessieren könnte

ZEIT ONLINE: Neumünster hat gezeigt, dass der Umgangston Ihrer Partei oft rüde und giftig ist. Mehrere Piraten haben Journalisten beschimpft oder einen Rausschmiss angedroht. Hat der Erfolg Sie gereizt gemacht?

Schlömer: Nein, so würde ich das nicht sehen. Sie können sich als Pressevertreter auf unseren Parteitagen frei bewegen...

ZEIT ONLINE: Das darf man bei allen Parteien, außer bei der NPD .

Schlömer: Aber es gibt bei uns einige Bedingungen. Piraten mögen es nicht, wenn die Desktops ihrer Laptops abgefilmt werden oder wenn bei geheimen Wahlen Kameras laufen. Darauf haben wie mehrfach hingewiesen. Aber einige Ihrer Kollegen halten sich nicht daran. Aber es gab auch Situationen, als der Ton zu einigen Journalisten rau wurde, die ich nicht gutheiße, weil sie dem Charakter der Medien nicht gerecht werden. Natürlich ist es Ihre Aufgabe, den konstruktiv-kritischen Blick auf uns zu ermöglichen. Und das wollen wir ja auch, weil wir eine gesellschaftspolitische Aufgabe haben.

ZEIT ONLINE: Ein anderer Konflikt spielt sich parteiintern ab. Durch die Landtagseinzüge und das Medieninteresse wird die Kluft zwischen Führung und Basis immer größer. Nagt das am basisdemokratischen Ideal ?

Schlömer: Glaube ich nicht. Die Basis ist stark genug, ihre Beteiligung einzufordern.

ZEIT ONLINE: Es gibt die Klage, dass Ihre Entscheidungen gar nicht so basisdemokratisch sind, wie sie gern betonen. Der Parteitag findet im obersten Zipfel von Norddeutschland statt. Wer keine Zeit oder Geld hat und aus dem Süden kommt, kann nicht teilhaben. Wäre eine Urwahl nicht demokratischer, um einen Parteichef zu küren?

Schlömer: Entsprechende Satzungsanträge können ja gestellt werden. Ich bin ja nicht derjenige, der das abwehrt. Es wird sich zeigen, für welche Form sich unsere Partei entscheidet: Ständige Parteitagskonferenzen, dezentrale Parteitage, Onlineparteitage. Wir verschließen uns keinem Vorschlag.

ZEIT ONLINE: Haben Sie einen Favoriten unter den genannten Vorschlägen?

Schlömer: Eigentlich nicht. Ich würde mir wünschen, dass wir verschiedene Verfahren erproben, im kleineren Rahmen.

ZEIT ONLINE: Was wollen Sie als Parteichef erreichen? Woran wollen Sie sich messen lassen?

Schlömer: Ich möchte in einem Jahr vor den Bundesparteitag treten können und sagen: Seht her, wir haben eine Bundestagswahl vorbereitet. Wir haben ein Wahlprogramm , das die Menschen interessieren könnte. Das Feld ist bestellt. Dann muss der Bürger uns noch wählen. Und wir kommen in den Bundestag.