"Grün bricht überall durch", sagt Sylvia Löhrmann und zeigt aus dem Fenster des Landtags . Sie meint damit die Bäume am Rheinufer in der Frühlingssonne. Die tragen nun tatsächlich eine hübsche, sattgrüne Blätterkrone.

In den Umfragen dagegen grünt es deutlich weniger. Seit vergangenem Frühling sind die Grünen im Bund von fast 30 auf nur mehr gut zehn Prozent abgesackt, in Nordrhein-Westfalen von über 20 auf etwa elf. Nutznießer und eine Ursache dieser Entwicklung ist die Piratenpartei , die inzwischen mit den Grünen nahezu gleichauf liegt.

Die Grünen befinden sich in einer Zwickmühle. Lange haben sie den Aufstieg der Piraten wohlwollend, fast partnerschaftlich begleitet. Die junge, basisdemokratische Partei erinnerte sie an die eigene Anfangszeit vor 30 Jahren, als die Etablierten sie ebenfalls zunächst nicht ernst nahmen. Borniert wollen die Grünen nun auf keinen Fall rüberkommen. "Ohne Aggression und Arroganz" werde man sich mit den Piraten auseinandersetzen, sagt die Grünen-Parteichefin Claudia Roth , die ebenfalls in Düsseldorf zugegen ist.

Genervt von den Piraten

Aber, aller Kumpel-Rhetorik zum Trotz, natürlich sind die Grünen von der neuen Konkurrenz genervt. Jede zweite Journalistenfrage, die Löhrmann und Roth an diesem Tag gestellt bekommen, kreist um die Newcomer. Noch ärger: Wenn das mit den Zuwächsen der Piraten so weiter geht, ist die rot-grüne Mehrheit in Düsseldorf ernsthaft in Gefahr. Also keilt man zurück: Das Programm der Piraten sei nicht bezahlbar und entbehre jeder Realpolitik, sagen die grünen Damen. Eine Koalition mit diesen Nerds? Roth lacht höhnisch auf.

Ob sie fürchte, den dritten Platz an die Piraten zu verlieren? Löhrmann verzieht das Gesicht. Eigentlich ist sie eine angenehm unprätentiöse Politikerin. Aber diese Frage empfindet sie offensichtlich als Beleidigung. Sie selbst sieht sich auf Augenhöhe mit den beiden Volksparteien: Auf ihren Wahlplakaten kritisiert sie die Bilanz des CDU-Spitzenkandidaten Röttgen als Bundesumweltminister. Auch zum Koalitionspartner SPD suchen die Grünen im Wahlkampf die Abgrenzung. Löhrmann spottet über das "Kohle-Gen" der Genossen und betont ihre eigene, wichtige Bedeutung für die rot-grüne Koalition.

Löhrmann trieb Rot-Grün voran

Falsch ist diese Selbstwahrnehmung nicht. Viele Beobachter halten Löhrmann für die heimliche Herrscherin der rot-grünen Koalition. Zu zentralen Entscheidungen hat sie die Ministerpräsidentin Hannelore Kraft gedrängt oder zumindest animiert. Schon dass man sich überhaupt auf die Minderheitsregierung einließ, war Löhrmanns Verdienst: Kraft wollte nach der Wahl im Mai 2010 die mehrheitslose CDU-Regierung zunächst aus der Opposition heraus antreiben. Löhrmann verlangte von Kraft eine Entscheidung: Entweder solle sie eine Große Koalition ansteuern – oder es ernsthaft mit einer rot-grünen Minderheitsregierung versuchen. Kraft ließ sich überzeugen.