Warum es Neonazis nach Dortmund zieht

ZEIT ONLINE: Herr Schedler, Dortmund gilt als Neonazi-Hochburg des Westens . Welche Ausmaße hat das? Ist die Stadt für Punks oder Ausländer mittlerweile gefährlich?

Jan Schedler: Es wäre zu dramatisch zu sagen: Ausländer und Punks könnten in Dortmund nicht unbeschwert durch die Innenstadt laufen. Das hätten die Nazis gern. Die Stadt hat rund 600.000 Einwohner. Gemessen daran ist die Zahl der Neonazis verschwindend gering. Dennoch kann man dort leicht in gefährliche Situationen geraten, wenn man sich aktiv gegen die rechtsextreme Szene einsetzt oder nicht in deren Weltbild passt. In Westdeutschland zählt Dortmund zu den Städten mit der etabliertesten und zahlenmäßig stärksten Neonazi-Szene. Im Ruhrgebiet ist es der absolute Hot-Spot.

ZEIT ONLINE: Wie prägen die Neonazis das Stadtbild?

Spuren der Dortmunder Neonazis © Roland Geisheimer/attenzione

Schedler: Besonders in Dorstfeld, im Westen der Stadt, sind sie präsent und aktiv. Hier gibt es schon Angsträume, wo etwa Punks oder Menschen schwarzer Hautfarbe zu bestimmten Zeiten leicht Probleme bekommen können. Und wer tagsüber mit geschultem Auge herumläuft, entdeckt viele Nazi-Aufkleber und Schmierereien. Auf den Schulhöfen wird versucht, Propaganda zu verbreiten – mit Flugblättern und gesprayten Parolen. Aber das öffentliche Bild prägen sie nicht, nicht mal in Dorstfeld.

ZEIT ONLINE: Wer lebt in Dorstfeld, was ist das für ein Stadtteil?

Schedler: Relativ groß und heterogen. Ganz Dorstfeld dominieren die Nazis nicht, aber es gibt mehrere Schwerpunkte: Da ist das Quartier Rheinische Straße, innenstadtnah und auch von Migranten geprägt, in einem Haus dort ist ein einschlägiger Versand ansässig, dort verfügt man auch über Veranstaltungsräume. Das Haus wurde allerdings inzwischen bewusst von der Stadt Dortmund erworben, die dort einen Jugendtreff statt eines Neonazitreffs einrichten möchte, den Rechtsextremen wurde gekündigt. Hier und im Zentrum von Dorstfeld wohnen viele "Autonome Nationalisten". In Ober-Dorstfeld wohnen hingegen viele aus der rechten "Skinfront Dortmund -Dorstfeld".

ZEIT ONLINE: Autonome Nationalisten – Skinheads. Erklären Sie kurz den Unterschied?

Schedler: Der Nationale Widerstand Dortmund, wie er sich selbst nennt, ist eine Neonazi-Kameradschaft, die federführend im Spektrum der Autonomen Nationalisten ist. Die haben ein modernes, zeitgemäßes Auftreten und organisieren viele Veranstaltungen: Demonstrationen etwa, wie an diesem Wochenende, Konzerte und Kundgebungen. Aber sie sind auch für geplante Übergriffe auf Linke, auf Parteibüros oder linke Kneipen verantwortlich. Die zweite extrem rechte Gruppe in Dortmund ist die "Skinfront Dortmund"-Bewegung. Die Gruppe ist ebenfalls neonazistisch, aber stärker subkulturell geprägt: man besucht Konzerte und hat einen ähnlichen Look. Doch auch die Skinfront ist gefährlich.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Schedler: Die Skinfront ist für eine ganze Reihe von Gewalttaten verantwortlich, die situativ verübt worden sind, wie Migranten anpöbeln oder verprügeln. Sie versuchen, auf der Straße ein Klima der Angst zu verbreiten.

ZEIT ONLINE: Über was für einen Personenkreis sprechen wir eigentlich? Wie viele aktive Neonazis gibt es in Dortmund?

Schedler: Vielleicht 70 bis 80 Leute, die sich kurz- bis mittelfristig aus Dortmund und dem Umland mobilisieren lassen. Der Nationale Widerstand hat mutmaßlich eine Führungsclique aus einer Handvoll Personen. Bei den rechten Skins sind es insgesamt zehn bis 15 Personen.

Polizei, Politik, Bevölkerung – alle haben Fehler gemacht

ZEIT ONLINE: Warum können so wenig Menschen eine solch große Wirkung haben? Wer hat Fehler gemacht?

Schedler: Alle. Die Politik hat das Problem anfangs nicht ernst genommen. Die Auseinandersetzung mit Neonazi-Demonstrationen ist lange fast allein den linken Gruppen überlassen worden. Auch die Stadt mit ihrem Verwaltungsapparat hat Fehler gemacht. Die hätte beispielsweise über das Ordnungsamt mehrere Möglichkeiten gehabt, die Neonazis zu behindern. Die Polizei hat ihren Ermessensspielraum lange ebenfalls kaum genutzt. Inzwischen aber gibt es auf allen diesen Ebenen ein anderes Problembewusstsein. Beratungsstellen wurden eingerichtet, Polizei und Innenministerium haben eine Task Force gegründet, die sich explizit gegen die extreme Rechte wendet. Die Nadelstiche mehren sich nun: Demonstrationen wurden versagt, Wohnungen durchsucht. Das alles hat deutlich zugenommen.

ZEIT ONLINE: Warum dies verspätete Eingreifen? Dortmund ist eine Hochburg der SPD , die doch eigentlich stolz auf ihren Kampf gegen den Rechtsextremismus ist.

Schedler: Man kann schon fragen, warum die SPD das Problem so lange verkannt hat. Der frühere Bürgermeister war eher der Ansicht, man habe in Dortmund kein Nazi-Problem. Das seien Chaoten, die durch die Republik gekarrt würden. Das hat sich, wie gesagt, geändert. Aber es reicht nicht, das Problem allein auf Parteien und Rechtsstaat abzuschieben. Auch die Lokalpresse erweckte teilweise den Eindruck, als wollte man die Sache "nicht künstlich groß machen". Und auch die großen Gegendemonstrationen aus der Zivilgesellschaft gibt es noch nicht allzu lange.

ZEIT ONLINE: Offenbar braucht es nicht viel, um ein Klima zu erschaffen, in dem sich Neonazis wohlfühlen: Zwei Dutzend Aktivisten. Ein paar Jahre Zeit. Eine unaufmerksame Gesellschaft.

Schedler: Na ja, die Neonaziszene in Dortmund ist schon historisch gewachsen.

ZEIT ONLINE: Warum nicht in Duisburg ?

Schedler: Weil führende Neonazis in Dortmund zu den Autonomen Nationalisten der ersten Stunde gehörten. Und weil sich hier die alten und die neuen Aktivisten gut arrangiert haben, anders als in anderen Städten. Dortmund hat so in der Szene einen gewissen Status erreicht und Anziehungskraft entwickelt. Rechtsextreme von außerhalb sind ganz gezielt in die entsprechenden Viertel gezogen.

ZEIT ONLINE: Eine Nazi-Cluster-Struktur?

Schedler: Es ist ja auch nachvollziehbar, dass Neonazis in ein Gebiet ziehen, wo schon Bekannte und Gesinnungsfreunde sind. In Essen beispielsweise ist gerade die NPD aktiver, weil sich führende Personen aus der Kameradschaftsszene nach Dortmund orientiert haben. Auch junge Rechtsextreme aus dem Sauerland zieht es nach Dortmund.

ZEIT ONLINE: Hängt das Aufkommen der Neonazis auch mit dem Abstieg des Ruhrgebiets zusammen? Abstiegsängste und Arbeitslosigkeit sind ein guter Nährboden für Rechtsextremismus.

Schedler: Allein die sozialen Verhältnisse sind es jedenfalls nicht. Dann müsste es in Duisburg ähnliche Probleme mit Neonazis geben wie in Dortmund. Dort sind Arbeitslosigkeit und Zukunftsängste ebenfalls verbreitet.

ZEIT ONLINE: Wird das Neonazi-Problem im Ruhrgebiet in der öffentlichen Wahrnehmung unterschätzt? Die meisten denken an die ostdeutsche Provinz, wenn sie an Rechtsextreme denken.

Schedler: Wenn man sich empirische Untersuchungen zu extrem rechten Einstellungsmustern in unserer Gesellschaft anschaut, etwa die Studien von Wilhelm Heitmeyer , sieht man: Die Unterschiede zwischen Ost und West sind nicht immer so groß, wie sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden.