Die einzige Überlebende der rechtsextremen Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU), Beate Zschäpe , könnte eine gewichtigere Rolle in der Gruppe gespielt haben als bisher vermutet. Einem Bericht des Magazins Stern zufolge gehen die Ermittler inzwischen davon aus, dass Zschäpe vollständig über die vom NSU verübte Mordserie Bescheid wusste. Die Behörden seien demnach zuversichtlich, beweisen zu können, dass Zschäpe gemeinsam mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt die Terroraktionen geplant hat. Sie müsse daher mit einer Anklage wegen Beteiligung an zehn Morden rechnen.

Dem Bericht zufolge halten die Ermittler Zschäpe für "Kopf und Herz" des Nationalsozialistischen Untergrunds . Sie habe Hitlers Mein Kampf und einschlägige Nazi-Literatur gelesen und das elitäre Selbstverständnis der Terrorgruppe geteilt.

Von der Bundesanwaltschaft hieß es, die Ermittler untersuchen weiterhin, ob die in Untersuchungshaft sitzende Zschäpe direkt für einzelne Mordtaten mitverantwortlich ist. "Das ist ein gewichtiger Teil der Ermittlungen", sagte ein Sprecher. Ob eine Anklage wegen Mittäterschaft infrage komme, könne jedoch erst "in sorgfältiger Gesamtabwägung nach Abschluss der Ermittlungen" beurteilt werden. Bislang bestehe ein dringender Tatverdacht gegen Zschäpe wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und besonders schwerer Brandstiftung.

Staatsanwaltschaft ließ Beweise vernichten

Außerdem wurde bekannt, dass die Kölner Staatsanwaltschaft vor Jahren die Vernichtung von Beweismitteln zu einem Anschlag angeordnet hatte, der der Zwickauer Neonazi-Zelle zugeordnet wird. Nach Angaben von Spiegel Online geht es um Spuren eines Bombenanschlags auf ein Kölner Lebensmittelgeschäft, bei dem 2001 eine 19-jährige Deutsch-Iranerin schwer verletzt worden war. Die Staatsanwaltschaft habe fünf Jahre später die Vernichtung verfügt.

Wie die Bundesanwaltschaft mitteilte, wurden 2001 am Tatort sichergestellte Blechsplitter, die man der Sprengvorrichtung zuordnete, ergebnislos auf Fingerabdrücke untersucht. Auf eine serologische Untersuchung sei verzichtet worden, da eventuell für eine DNA-Untersuchung geeignetes Material durch die Explosionshitze vernichtet worden sei. Dies folge aus einem damaligen Auswertungsbericht. Die Asservate seien aufgrund einer Verfügung der Staatsanwaltschaft Köln vom Januar 2006 vernichtet worden. Die Bundesanwaltschaft übernahm die Ermittlungen im November 2011.

Böhnhardts Eltern drücken Mitgefühl mit den Opfern aus

Knapp ein halbes Jahr nach dem Bekanntwerden der Terrorzelle beginnt am Montag in Zwickau der Abriss des Hauses, in dem Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe sich versteckt hielten. Nach Angaben der Stadt werden die Kosten zu weiten Teilen vom Land Sachsen getragen. Zwickau will mit dem vollständigen Abriss des Hauses verhindern, dass dort ein Wallfahrtsort für Rechtsextremisten entsteht.

Die Neonazis Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe hatten vermutlich seit 2008 in der Zwickauer Frühlingsstraße gelebt. Nachdem sich beide Männer nach einem Banküberfall in Thüringen umgebracht hatten, soll Zschäpe im November 2011 eine Explosion in dem Haus ausgelöst haben. Die Gruppe soll für mindestens zehn Morde, zwei Sprengstoffanschläge und 14 Banküberfälle verantwortlich sein.

Böhnhardts Eltern drückten im Fernsehen ihr tiefes Mitleid mit den Opfern aus. "Ich denke jeden Tag an die Opfer, immer", sagte Brigitte Böhnhardt im NDR . Die Taten könne man nicht verzeihen. "Es tut mir wirklich unendlich leid", sagte sie.