Tobias Eckrich hüpft aufgekratzt durch die Parteitagshalle in Dortmund . Er trägt eine kurze Hose und knallorange gefärbte Haare. Gerade hat er, in seiner Eigenschaft als Pressefotograf der Piratenpartei , einem Fernsehteam ein Interview gegeben. Jetzt freut er sich vermutlich einfach über das große Interesse am Landesparteitag der neuen Erfolgspartei in Dortmund und die gute Stimmung. Neben ihm prosten sich zwei jugendliche Piraten mit ihren Club-Mate-Flaschen zu. Über ihre Laptops haben sie von einer neuen Emnid-Umfrage erfahren: Demnach könnten sich 30 Prozent der Deutschen vorstellen, ihre Partei zu wählen.

Auch in Nordrhein-Westfalen haben die Piraten kräftig zugelegt. An diesem Wochenende sieht sie eine Umfrage bereits bei elf Prozent. Die Partei, die bei der Landtagswahl vor zwei Jahren gerade mal auf 1,6 Prozent kam, hat sich binnen weniger Monate zum echten Machtfaktor gemausert . Sollte der derzeitige Umfrage-Trend anhalten, wird es auch diesmal wieder eng für Rot-Grün. Im für sie schlimmsten Fall könnten SPD und Grüne bei der Wahl am 13. Mai die angestrebte eigene Regierungsmehrheit verfehlen.

Kommen die Piraten dann gar als Koalitionspartner in Frage? Nein, sagte am Samstag Hannelore Kraft zu ZEIT ONLINE. Die SPD-Ministerpräsidentin verwies darauf, dass die Piraten selbst "nicht regieren wollen". Allein daher sei es schon keine Option, über die weiteres Nachdenken lohne.

Die Piraten selbst sind jedoch gar nicht so eindeutig, was das Regieren angeht. Ihr Spitzenkandidat Joachim Paul verweist im Gespräch darauf, dass es keinen expliziten Parteitagsbeschluss gäbe, der einer Piraten-Fraktion eine Koalition verbieten würde. Er könne sich gut vorstellen, einzelne Gesetze, die ihm inhaltlich einleuchten, im Parlament zu unterstützen, sagt der 54-jährige Medienpädagoge. Und, fragt er rhetorisch: Sei das nicht bereits eine Form von Mitregieren? 

 " Piraten-Minister? Lächerlich "

Andere potenzielle Landtagskandidaten, wie Hans Jörg Rohwedder aus Dortmund, halten sogar eine allgemeine Tolerierung einer rot-grünen Minderheitsregierung durchaus für vorstellbar. Allerdings will er keine Piraten-Minister und -Staatssekretäre. "Damit würden wir uns lächerlich machen", ohne jegliche Parlamentserfahrung, findet er. Seine Ansicht wird von der Parteibasis geteilt: Die Piraten schimpfen zwar gern über die "Postengeilheit" der anderen Parteien, aber eine wie auch immer geartete Regierungsbeteiligung wollen sie keinesfalls ausschließen.

Realistisch ist sie allerdings nicht. Das wissen auch die Piraten. Selbstkritisch wie sie sind, betonen viele die eigene Unerfahrenheit und das Kompetenzdefizit gegenüber den anderen Parteien. Beides keine guten Voraussetzungen für eine allzu verantwortungsvolle Rolle in der Landespolitik.

Hinzu kommen die strengen Grundsätze der Partei. Transparenz ist das oberste Ideal. Die Piraten fordern daher, mögliche Verhandlungen mit potenziellen Partnern, zum Beispiel Sondierungsgespräche, im Live-Stream übertragen zu lassen. Äußerst fraglich, ob SPD-Frontfrau Kraft sich darauf einlassen würde. Auch wird sie abschrecken, dass es in der Piraten-Fraktion keine Probeabstimmungen und keinen Fraktionszwang geben soll. Man wäre "kein verlässlicher Bündnispartner", warnen die mutmaßlichen Neu-Parlamentarier selbst.