Eigentlich sind die Kieler Piraten richtig gut gelaunt an diesem Abend. Zum Stammtisch in der Pumpe, einem alternativen Kultur- und Freizeitzentrum, sind viele neue Sympathisanten gekommen. Eifrig plant die rund 40-Mann-Truppe den Wahlkampfendspurt. Wer hängt wo Plakate auf, wer verteilt Kaperbriefe, wer kann ein großes Auto zur Verfügung stellen. Man duzt sich, die Neuen stellen sich mit Vornamen vor. "Ich bin hier, weil ich endlich wieder glaube, etwas bewegen zu können", sagt einer, der sich als überzeugter Alt-Achtundsechziger bezeichnet.

Beflügelt werden die Piraten von einer neuen Umfrage : Bei der Landtagswahl in zweieinhalb Wochen könnten sie demnach auf bis zu zehn Prozent der Stimmen kommen. Der 23-jährige Spitzenkandidat Torge Schmidt muss daher momentan viele Interviews geben. Er hetzt von Termin zu Termin. Heute Abend ist er verhindert.

Uli König, Landtagskandidat, 30 Jahre, Informatiker und im Landeszentrum für Datenschutz tätig, moderiert den Stammtisch. Er hat einige Mühe, die vielen Wortmeldungen zu koordinieren. Eine engagierte, ältere Frau mit Windjacke, auch erst seit Kurzem dabei, will wissen, was sie ihren Bekannten denn auf die Frage nach der Koalitionswilligkeit der Piraten antworten soll. Darauf werde sie immer wieder angesprochen, weil die Mehrheitsverhältnisse laut der letzten Umfrage so eng sind: Rot-Grün könnte demnach selbst in einem Dreier-Notbündnis mit dem Südschleswigschen Wählerverband , der Partei der dänischen Minderheit, nur noch eine äußerst knappe Regierungsmehrheit stellen.

König sagt dazu: "Wir würden grundsätzlich mit allen reden." Weil auch die Medien dauernd fragten, habe das Presseteam dazu eine Mitteilung erarbeitet. Für den Moderator ist die Frage damit beantwortet. Denn er ahnt nicht, was er auslöst.

"Ich dachte, so etwas ist basisdemokratisch zu entscheiden"

Ein Raunen geht durch den Raum. "Das ist mir neu", sagt ein Pirat laut: "Da haben wir aber keinen Parteibeschluss zu, oder?" Ein anderer ärgert sich: "Das widerspricht dem, was wir bisher gesagt haben! Wir müssen uns doch erstmal im Landtag zurechtfinden." Ein dritter Basispirat fragt: "Wer hat denn diese Pressemitteilung verfasst? Ich dachte, so etwas ist basisdemokratisch zu entscheiden."

König wird nervös: "Das Presseteam und die Kandidaten haben die Mitteilung erarbeitet. Dass wir grundsätzlich zu Koalitionsverhandlungen bereit wären, leitet sich doch von unseren Beschlüssen ab. Das ist kein Alleingang!" "Also bisher bin ich davon ausgegangen, dass wir eben nicht regieren wollen", entgegnet ein Pirat. In diesem Moment betritt einer der Pressesprecher den Raum.

Patrick Ratzmann ist ein Typ, den nichts so schnell aus der Ruhe bringt. Mit seiner ruhigen, tiefen Bass-Stimme erklärt er: Erstens, die Piraten forderten, Koalitionsverhandlungen öffentlich im Internet zu übertragen. Das würde wahrscheinlich sowieso keine Partei mitmachen. Auch so glaube er nicht, dass die etablierten Parteien sich zu einem Viererbündnis Rot-Grün-SSW-Piraten durchringen würden.