Der kleine Westerwelle – Seite 1

Das soll der Heiland der FDP sein? Christian Lindner gilt derzeit als Wunderwaffe seiner Partei. Seit der 33-Jährige die Spitzenkandidatur der nordrhein-westfälischen Liberalen übernommen hat, ist die FDP in den Umfragen von zwei auf sechs Prozent geklettert. Lindners Wahlkampfauftritte locken stets ein großes Publikum an. Parteifreunde aus der ganzen Republik suchen demonstrativ seine Nähe. Nur: Ein besonders mitreißender Wahlkämpfer ist er eben nicht.

Die FDP hat zu einer Wahlkampfparty in die münsterländische Provinz geladen. In einem kleinen Festsaal zwischen Pferdekoppeln und Pusteblumen werben drei prominente Liberale fünf Tage vor der Landtagswahl um Stimmen. Lindner ist der schwächste von ihnen.

Natürlich applaudieren die liberalen Honoratioren im Publikum auch ihm höflich. Aber so richtig springt der Funken nicht über. Lindner eröffnet seine Rede mit einer Analyse der großpolitischen Wetterlage: die Griechen , die Franzosen , der Fiskalpakt . Das ganze ist durchaus geistreich, gespickt mit hübschen Formulierungen – aber auch ziemlich hastig vorgetragen. Die Zuhörer müssen sich konzentrieren, um alles mitzukommen. Linder macht keine Gags und schmeichelt niemandem. Sein Thema ist der "Staat, der uns im Alltag in Ruhe lässt". Die spezifischen Probleme des Münsterlandes erwähnt er mit keiner Silbe.

Daniel Bahr ist lockerer

Wie man es anders machen kann, einnehmender und näher dran am Bürger, das zeigt Daniel Bahr . Der ebenfalls junge Bundesgesundheitsminister spricht nach Lindner, bei ihm ist die Klatsch- und Lachdichte bestimmt dreimal so hoch. Der Minister stammt aus Münster, hat also ein Heimspiel. Aber er weiß sich auch gut zu präsentieren: Wie ein Conférencier schnappt Bahr sich das Mikrofon und stolziert über die Bühne, während Lindner sich am Stehpult festgeklammert hat. Bahr erzählt Anekdoten, macht Kunstpausen und schaut beifallsheischend ins Publikum. Auch Guido Westerwelle bringt es im Anschluss mit seinen Stakkato-Sätzen spielend auf einen lauteren, rhythmischeren Applaus als Lindner.

Der "Lindner-Effekt" bleibt

Trotzdem gibt es ihn, den "Lindner-Effekt", wie er in der FDP gern genannt wird. Die Medien berichten ausführlich und überaus wohlwollend. Die Facebook-Seite des Kandidaten besuchen viele, oftmals junge Menschen, auf die die FDP lange Zeit vergeblich gehofft hat. Auch die alten Liberalen sind entzückt: "Kraft seiner Persönlichkeit" habe Lindner "die politische Landschaft verändert", schreiben die Herren Hans-Dietrich Genscher , Klaus Kinkel und Gerhart Baum in einem Wahlaufruf .

Angesichts dieses guten Rufes ist es wenig verwunderlich, dass sich viele Liberale sein Comeback auch in der Bundespolitik wünschen. Wolfgang Kubicki brachte ihn unlängst als künftigen Parteichef ins Gespräch. Auf dem Bundesparteitag in Karlsruhe im April wurde Lindner, ständig von Kameras umringt, von den Delegierten mit stehenden Ovationen gefeiert.

Sehr zum Leidwesen von Parteichef Philipp Rösler . Seit Lindners Rücktritt als Generalsekretär gehen sich die beiden, wenn möglich, aus dem Weg. Auf einem der wenigen gemeinsamen Auftritte im NRW-Wahlkampf in Bonn vermieden sie angestrengt jeglichen Blickkontakt. Auch auf dem Parteitag in Karlsruhe belauerten sie sich vornehmlich aus gesicherter Distanz.

 In Berlin schimpfen einige Lindner hinterher

Lindner und Rösler, das ist die Geschichte einer politischen Freundschaft, die zerbrach, als die beiden gemeinsam Verantwortung übernahmen. Dabei hatten sich die zwei aufstrebenden Jung-Liberalen schon in Oppositionszeiten zusammengetan, um die Partei zu reformieren. Gemeinsam übten sie Kritik am Steuer-Mantra des damaligen Parteichefs Westerwelle. Im Mai 2011 lösten sie ihn ab: Rösler wurde Parteichef, obwohl viele schon damals Lindner favorisiert hatten. Nur ein gutes halbes Jahr später warf Lindner als Generalsekretär hin , genervt und frustriert. Rösler habe Abmachungen nicht eingehalten und etliche Fehler produziert, heißt es aus Lindners Umfeld.

Aber in Berlin hat der ehemalige Generalsekretär nicht nur Freunde. Seit seinem Rücktritt schimpfen ihm viele leidenschaftlich hinterher. Der Nachfolger im Amt, Patrick Döring, lässt kaum ein gutes Wort an seinem Vorgänger. Lindner habe die Parteizentrale nicht im Griff gehabt, heißt es auch andernorts: Er sei überfordert gewesen und zu intellektuell-philosophisch aufgetreten. Seine Hauptaufgabe, die Konzeption eines neuen Parteiprogramms , habe er schlecht koordiniert, lästern seine Gegner. Wobei der Ausdruck "Gegner" fast zu hart ist: Viele FDP-Politiker, die sich vor Monaten noch über das Duo Rösler-Lindner gefreut haben, sehen sich inzwischen angesichts der verhärteten Fronten regelrecht dazu gezwungen, Farbe zu bekennen – und sich entweder auf Röslers oder Lindners Seite zu schlagen.

Wohlgesonnene wünschen Lindner mehr "Ruhe"

Auch Rainer Brüderle, der andere Favorit auf eine etwaige Rösler-Nachfolge, hält nicht besonders viel von Lindner. Der doppelt so alte Pfälzer bezeichnete den jungen Hoffnungsträger, der zwischenzeitlich auf die Fraktionsführung im Bundestag schielte, schon mal als "Säusel-Liberalen" oder Mitglied einer "Boygroup", dem Substanz und Erfahrung fehle. Anderen in der Parteispitze missfällt, dass Lindner sich derzeit im Wahlkampf von Entscheidungen der Bundesregierung distanziert, die er selbst mitgetragen hat. Wieder andere mokieren sich über das an Eitelkeit reichende Selbstbewusstsein Lindners. 

Selbst seine Anhänger sagen, dass ihm "etwas Ruhe" und Reifezeit in Düsseldorf guttun würde. Er würde ihm abraten, schon jetzt nach dem Parteivorsitz zu greifen, betont ein prominenter Lindner-Freund jüngst. Der Posten sei angesichts der Krise der Partei derzeit ohnehin ein "Schleudersitz" und Lindner habe ja noch viel Zeit. Jetzt sei es zu früh für ihn.

Das Sozialliberale ist aus seinen Reden verschwunden

Lindner selbst schweigt zu den Spekulationen um Rösler und seine zukünftige Karriere. Er sei "nun Landespolitiker", sagt er kokett. Er wolle sich auf Landesthemen konzentrieren. Was er damit meint? Seine Wahlkampfreden drehen sich stets um denselben Dreiklang: Weniger Schulden, bessere Bildungspolitik, Industriestandort stärken. Der Tenor ist klassisch liberal-konservativ. Sozialliberale Elemente, die er noch als Generalsekretär betonte, gibt es kaum mehr.

Er wolle die "Friedrich-Merz- und Wolfgang-Clement-Wähler erreichen", sagt Lindner zur Begründung. Dies versucht er mit teilweise schlichten, teilweise inhaltsleeren Sätzen, die eigentlich gar nicht zu ihm passen: Sein zentrales Versprechen in Dülmen besteht darin, nicht allzu viel zu versprechen. Konkret wird der Kandidat an diesem Abend selten. Die beste Politik sei die, die "einfach mal die Füße still" halte, ruft er. In solchen Momenten klingt Lindner, als wolle er Westerwelle imitieren. Lindner erinnert in Dülmen an eine junge, nicht völlig überzeugte Ausgabe der alten FDP, von der er sich in Berlin immer lösen wollte. Von der programmatischen Erneuerung, die er einst bewarb, ist nicht mehr viel zu erkennen.

Westerwelle selbst, noch aufgeputscht vom Beifall der Dülmener, nimmt nach seiner Rede ein Bad in der Menge. Schäkernd läuft er mit Bahr zu einem Rotweinstand. Lindner ist da schon lange weg, zu einem ZDF-Interview. Einige an der münsterländischen Basis sind enttäuscht. Sie hätten gern noch ein Autogramm bekommen. Einer ärgert sich über die "nichtssagende" Rede des Spitzenkandidaten. Westerwelle lacht immer noch.