ZEIT ONLINE: Frau Weisband, Sie sind so etwas wie der Star der Piraten, präsent in den Medien und überall bekannt an der Basis. Verträgt sich Startum eigentlich mit den Idealen einer basisdemokratischen Partei ?

Weisband: Nein, das verträgt sich nicht. Und ich bin auch kein Star der Piraten. Ich bin eine von den Medien gehypte Person. Innerhalb der Piraten existiert kein Machtgefälle. Es gibt keine Vergötterung, ich werde ganz normal gegrüßt und geknuddelt. Natürlich kennt mich hier jeder und ich habe einen gewissen Einfluss, auch weil ich viel in der Öffentlichkeit bin. Aber ich habe keine Macht.

ZEIT ONLINE: Trotzdem nehmen Sie eine Sonderrolle ein. Viele Piraten loben Sie für Ihre Präsenz im vergangenen Jahr, andere sind neidisch auf Ihre Popularität.

Weisband: Respekt wird meistens mit Gegenrespekt erwidert: Ich hatte sehr viel Respekt vor meiner Aufgabe. Am Anfang hatte ich sogar Panikanfälle. Ich habe die Partei um Hilfe gebeten und jede Kritik ernst genommen.

ZEIT ONLINE: Haben Sie sich überfordert gefühlt? Ist Spitzenpolitik vielleicht doch eher etwas für gestandene 50-Jährige als für Studenten?

Weisband: Ich habe vor einem Jahr spontan kandidiert. Und die drei Tage danach nicht geschlafen. Ich habe immer wieder geweint und Panikattacken gehabt. Ich übertreibe nicht! Ich habe die ersten Wochen eigentlich immer nur überlegt: Wie kann ich wieder zurücktreten?

ZEIT ONLINE: Was war so schlimm?

Weisband: Der Druck, den ich mir selbst gemacht habe. Ich wurde von Anfang an als Hoffnungsträgerin gesehen – nach einer einzigen drei-minütigen, improvisierten Bewerbungsrede auf dem Parteitag. Ich habe immer nur geglaubt: Hallo, ich bin kein Hoffnungsträger, sondern eine 24-jährige Studentin. Ich kann das nicht so gut. Ich werde Fehler machen. Erst so nach etwa drei Monaten hatte ich das Gefühl: Ja! Ich bin richtig hier. Ich kann das Amt!

ZEIT ONLINE: Was war auf einmal anders?

Weisband: Ich hatte mich eingearbeitet. Und ich habe gesehen, dass das, was ich mache, gut ist. Dann kam irgendwann die Berlin-Wahl. Unser erster großer Erfolg. So kam ich plötzlich in die Medien. Das war wieder eine Herausforderung, diesmal zwar ohne Panik. Aber ich glaube schon, dass ich zuletzt am oberen Ende meiner Kompetenz angelangt war: Seit unseren Landtagseinzügen sitze ich mit Menschen in Talkshows, die in ihre Partei eingetreten sind, bevor ich geboren wurde. Die können aus ihrem ganzen Wissen schöpfen, das sie sich in ihren 20, 30 Jahren als Politiker angeeignet haben. Und ich habe versucht, mit meinem ein Jahr alten Wissen dagegen zu halten.

ZEIT ONLINE: Hat der Job Ihnen zu viel abverlangt? Die BILD titelte kürzlich von ihrem Schwächeanfall vor einem Talkshow-Auftritt.

Weisband: Sie meinen, weil ich umgekippt bin? Das ist ganz normal. Das passiert mir seit der Schule ständig. Das ist kein Anzeichen von Überforderung. Natürlich bin ich erschöpft und ausgezehrt. Das liegt aber daran, dass ich die ganze Explosion, die die Piraten in einem Jahr erlebt haben – von zwei auf zwölf Prozent – mitgetragen habe. Unsere Strukturen waren auf diese neue Parteigröße noch nicht ausgelegt. Inzwischen haben wir den Vorstand vergrößert. Ich habe gelernt: Der ideale Vorstand behält den Überblick und delegiert. Ich habe anfangs zu viel selbst gemacht.

"Der Ton bei uns ist rau. Das schreckt nicht nur Frauen ab"

ZEIT ONLINE: Ihre Mitgliederzahl hat sich seit Ihrer Wahl vor einem Jahr mehr als verdoppelt, Ihre Umfragewerte verfünffacht. Erkennen Sie Ihre Partei noch wieder?

Weisband: Wir haben uns gar nicht mal so sehr verändert. Der Parteitag in Neumünster verlief eigentlich relativ ähnlich wie alle bisherigen, auf denen ich war. Wir haben immer noch ein Bällebad zum Toben und die AG Dicke Piraten. Die wichtigste Ausnahme: Es sind jetzt mehr Medien dabei. Ich habe aber immer noch das Gefühl, unter Freunden zu sein, die nicht alles todernst nehmen. Das ist wichtig. Andernfalls verbeißt man sich. Wirklich gut kann man nur arbeiten, wenn man ein bisschen Selbstironie hat.

ZEIT ONLINE: Aber entspannt wirkt Ihre Partei nicht gerade. Es gibt mehrere Konflikte, etwa den zwischen alten und neuen Mitgliedern.

Weisband: Ich kam auch erst 2009, nach der ersten großen Welle, dazu. Da hat sich niemand beschwert.

ZEIT ONLINE: Sehen Sie den Konflikt nicht?

Weisband: Doch, klar. Es gibt ein natürliches Misstrauen der Alt-Mitglieder, die denken: Wir haben die Piraten aufgebaut und jetzt kommt ihr. Das gab es aber 2009 auch schon. Ich glaube, das ist normal. Man gewöhnt sich schnell aneinander, wenn man dieselben Ideale hat.

ZEIT ONLINE: Die Jungen Piraten klagen über Mobbing von Frauen und Ausländern. Ist Chauvinismus ein Problem bei Ihnen?

Weisband: Ja, wie in jeder Partei und in der gesamten Gesellschaft gibt es dieses Problem auch bei uns. Aber wir dürfen das nicht relativieren und uns damit abfinden. Wir müssen an uns hohe Standards setzen und etwas gegen dieses Problem tun. Teilweise sind das abfällige Chat-Bemerkungen, die man für normal hält, die aber sexistisch sind. Hier muss man Aufklärung betreiben.

ZEIT ONLINE: Wie das?

Weisband: Indem man sagt, das war sexistische Kackscheiße, mein Lieber. So schaut Aufklärung aus. Also nicht einfach lächeln oder wegsehen, sondern thematisieren. Das größere Problem ist generell der Umgangston. Der ist relativ rau, nicht nur bei uns, in der Politik allgemein. Das schreckt nicht nur Frauen oft ab, sondern auch schüchterne Männer und generell Personen ohne dickes Fell. Unser Ziel ist es aber, die Zugänglichkeit von Politik zu erhöhen. Deshalb müssen wir Politik zu einem Ort machen, wo sich die Leute wohlfühlen.

ZEIT ONLINE: Warum ist der Ton in Ihren Partei-Foren und auf dem Parteitag oft so unhöflich?

Weisband: Das ist die Schattenseite des sehr offenen Heraussprechens. Wir sind kritische Menschen, stellen alles in Frage, kennen kein Pardon. Wir müssen da aber einen Kompromiss finden, sonst lähmt der Streit zu sehr. Aber das ist wohl ein typisches Merkmal einer sehr jungen Partei. Wir arbeiten daran: Als Gegenbewegung zu den Shit-Storms haben wir inzwischen die Flauschstorms eingeführt. Lange war es so: Egal, was man im Internet schreibt, man bekommt immer nur Geschrei zurück. Meist wird nur kommentiert, was einem nicht passt. Deshalb die Flauschstorms: Unsere Kommunikation hat sich dadurch verbessert.

"Ich werde in der Politik bleiben"

ZEIT ONLINE: Sind Flausch- und Shit-Storms die Zukunft der Demokratie? Sie haben einmal gesagt, dass die neuen Möglichkeiten, die das Internet an demokratischer Teilhabe bietet, den Parlamentarismus langfristig überflüssig machen. Wollen Sie die Parlamente abschaffen?

Weisband: Nein. Ich habe einem Journalisten Liquid Feedback erklärt. Er fragte, was wäre, wenn man Liquid Feedback zu Ende denkt? Wenn jeder Bürger sich daran beteiligen würde? Ich habe im Konjunktiv geantwortet: Wenn das wirklich jeder hätte, dann würde es die Parlamente überflüssig machen. Aber das ist nicht das erklärte Ziel der Piratenpartei . Wir haben durchaus das Potenzial, den Parlamentarismus zu reformieren – durch die Abschaffung des Fraktionszwangs oder den Verzicht auf feste Koalitionspartner. Aber wir wollen die Abgeordneten nicht abschaffen. Man braucht sie als moralische Kontrollinstanz.

ZEIT ONLINE: Dürfen Ihre Mandatsträger und die Parteiführung überhaupt etwas anderes tun, als die Ergebnisse von Liquid Feedback vorzulesen? Dürfen Sie Ihre eigene Meinung äußern?

Weisband: Ja, darf man. Problematisch ist, wenn eine Meinung vertreten wird, die sich nicht mehr aus dem Programm ableiten lässt. Die muss man als Privatmeinung kennzeichnen. Der Vorstand muss die Partei gut repräsentieren. Er hat bei uns die Funktion, Dienstleister und Sprachrohr zu sein. Er muss bündeln, was die Partei denkt – und es nach außen tragen. Bevor er aber sagt, dazu haben wir keine Position, sollte der neue Vorstand lieber sagen: Dazu haben wir zehn Positionen, die beliebtesten sind derzeit diese und jene. Bald stimmen wir darüber ab.

ZEIT ONLINE: Muss Ihr neues Führungsteam mutiger auftreten als das bisherige?

Weisband: Sie sagen so oft das Wort "Führung". Die haben wir gar nicht. Das ist ein Verwaltungsteam. Das ist der Punkt. Klar, wir müssen künftig besser mit den Medien umgehen. Wir müssen selbst nach vorn gehen und unsere eigenen Themen platzieren. Nicht immer nur auf Fragen antworten.

ZEIT ONLINE: Kommen Sie nächstes Jahr zurück an die Parteispitze?

Weisband: Da bin ich mir noch nicht sicher, ganz ehrlich. Aber in der Politik werde ich bleiben.

ZEIT ONLINE: Ist der Bundestag 2013 Ihr Ziel?

Weisband: Vielleicht. Ich habe Ihnen erzählt, wie mein Jahr begonnen hat. Ich hatte wenig Zeit zu reflektieren. Ich muss mich lösen, schauen, wie sehr ich es vermisse und wie mein Psychologie-Diplom so läuft.