ZEIT ONLINE: Ihre Mitgliederzahl hat sich seit Ihrer Wahl vor einem Jahr mehr als verdoppelt, Ihre Umfragewerte verfünffacht. Erkennen Sie Ihre Partei noch wieder?

Weisband: Wir haben uns gar nicht mal so sehr verändert. Der Parteitag in Neumünster verlief eigentlich relativ ähnlich wie alle bisherigen, auf denen ich war. Wir haben immer noch ein Bällebad zum Toben und die AG Dicke Piraten. Die wichtigste Ausnahme: Es sind jetzt mehr Medien dabei. Ich habe aber immer noch das Gefühl, unter Freunden zu sein, die nicht alles todernst nehmen. Das ist wichtig. Andernfalls verbeißt man sich. Wirklich gut kann man nur arbeiten, wenn man ein bisschen Selbstironie hat.

ZEIT ONLINE: Aber entspannt wirkt Ihre Partei nicht gerade. Es gibt mehrere Konflikte, etwa den zwischen alten und neuen Mitgliedern.

Weisband: Ich kam auch erst 2009, nach der ersten großen Welle, dazu. Da hat sich niemand beschwert.

ZEIT ONLINE: Sehen Sie den Konflikt nicht?

Weisband: Doch, klar. Es gibt ein natürliches Misstrauen der Alt-Mitglieder, die denken: Wir haben die Piraten aufgebaut und jetzt kommt ihr. Das gab es aber 2009 auch schon. Ich glaube, das ist normal. Man gewöhnt sich schnell aneinander, wenn man dieselben Ideale hat.

ZEIT ONLINE: Die Jungen Piraten klagen über Mobbing von Frauen und Ausländern. Ist Chauvinismus ein Problem bei Ihnen?

Weisband: Ja, wie in jeder Partei und in der gesamten Gesellschaft gibt es dieses Problem auch bei uns. Aber wir dürfen das nicht relativieren und uns damit abfinden. Wir müssen an uns hohe Standards setzen und etwas gegen dieses Problem tun. Teilweise sind das abfällige Chat-Bemerkungen, die man für normal hält, die aber sexistisch sind. Hier muss man Aufklärung betreiben.

ZEIT ONLINE: Wie das?

Weisband: Indem man sagt, das war sexistische Kackscheiße, mein Lieber. So schaut Aufklärung aus. Also nicht einfach lächeln oder wegsehen, sondern thematisieren. Das größere Problem ist generell der Umgangston. Der ist relativ rau, nicht nur bei uns, in der Politik allgemein. Das schreckt nicht nur Frauen oft ab, sondern auch schüchterne Männer und generell Personen ohne dickes Fell. Unser Ziel ist es aber, die Zugänglichkeit von Politik zu erhöhen. Deshalb müssen wir Politik zu einem Ort machen, wo sich die Leute wohlfühlen.

ZEIT ONLINE: Warum ist der Ton in Ihren Partei-Foren und auf dem Parteitag oft so unhöflich?

Weisband: Das ist die Schattenseite des sehr offenen Heraussprechens. Wir sind kritische Menschen, stellen alles in Frage, kennen kein Pardon. Wir müssen da aber einen Kompromiss finden, sonst lähmt der Streit zu sehr. Aber das ist wohl ein typisches Merkmal einer sehr jungen Partei. Wir arbeiten daran: Als Gegenbewegung zu den Shit-Storms haben wir inzwischen die Flauschstorms eingeführt. Lange war es so: Egal, was man im Internet schreibt, man bekommt immer nur Geschrei zurück. Meist wird nur kommentiert, was einem nicht passt. Deshalb die Flauschstorms: Unsere Kommunikation hat sich dadurch verbessert.