Wenn Pfarrer Michael Ludwig in seine Kirche kommt, muss er erst mal am Trampolin vorbei. Kirchbänke, Kerzen und Gläubige im Gebet gibt es in der Bochumer Marienkirche schon lange nicht mehr. Seit 2002 ist sie entweiht. Weil die Nachfrage fehlte, wie Ludwig es ausdrückt. Jetzt springen dort, wo früher der Pfarrer predigte, Streetart-Künstler über Gummimatten und Holzrampen. "Ich bin froh, dass die hier sind", sagt Ludwig mit Blick auf das mit Turngeräten vollgestellte Kirchenschiff, "denn sonst wäre hier gar nichts mehr".

Die Nachfrage fehlt auch, wenn Michael Peperhove zum Schützenfest lädt. Der 35-Jährige ist Vorsitzender des Schützenvereins St. Rochus Verth-Schwienhorst in der westfälischen Kleinstadt Telgte. "Früher war das Schützenfest ein Highlight", sagt Peperhove. "Jetzt überlegen wir, ob es nicht reicht, alle zwei Jahre einzuladen." Weil nur noch wenige überhaupt auf den Holzvogel schießen wollen, lassen sie in Telgte inzwischen sogar Frauen an die Waffe. Die erste Schützenkönigin war für manch alteingesessenes Vereinsmitglied ein ziemlicher Schock. Die Zeiten haben sich geändert.

Das merkt man auch ein paar Kilometer weiter im Dortmunder Norden. Die IG-Metall lädt zum Gewerkschaftsabend. Das Flaschenbier kostet einen Euro, zu Gast sind die Abgeordneten des Wahlkreises. Wahlkampf bei der Stammklientel im Ruhrgebiet , könnte man meinen. Doch es sieht hier eher nach Seniorenheim als nach Arbeiterabend aus. "Die Hälfte bei uns sind Rentner", sagt Rolf Wiegand, Leiter der IG-Metall-Stadtteilgruppe in Dortmund-Scharnhorst, früherer Hoesch-Mitarbeiter und inzwischen auch 72 Jahre alt.

Zwischen Vereinsheim und Kirche

Kirche, Vereine, Gewerkschaften – das waren einmal Massenorganisationen in Nordrhein-Westfalen : Unter der Woche zum Gewerkschaftsabend, am Wochenende ins Vereinsheim und am Sonntag in die Kirche. Das gab dem Leben Struktur, das brachte die Menschen zusammen. Doch diese Zeiten sind vorbei.

Jedes Jahr treten rund 50.000 Menschen aus den beiden christlichen Kirchen aus. Die IG Metall in Nordrhein-Westfalen, in ihren besten Zeiten eine Millionenorganisation, ist in ihrem Stammland auf 560.000 Mitglieder zusammengeschrumpft. Und Traditionsvereine kämpfen immer öfter ums pure Überleben. Die großen Gemeinschaftsstrukturen brechen in Nordrhein-Westfalen seit Jahren weg.

Wie konnte das passieren? Und was heißt das für den Zusammenhalt in dem großen Bindestrich-Land, in dem sich Westfalen und Rheinländer so fremd sind, wie sonst nur Hamburger und Münchener?

Religion ohne Zugehörigkeit

Antworten hat Jochen Jülicher. Der Theologe und ehemalige katholische Pfarrer hat sein Priesteramt aus Frust über die Amtskirche aufgegeben und sich selbständig gemacht. Er bietet nun Menschen ohne kirchliche Bindung christliche Zeremonien an. Dass die Kirchen immer leerer würden, daran seien Bischöfe und Pfarrer selbst schuld, sagt Jülicher. Durch die Missbrauchsfälle habe vor allem die katholische Kirche ihre moralische Glaubwürdigkeit verloren. Hinzu kämen die Schwierigkeiten beider Kirchen, sich an die Lebenswirklichkeit ihrer Mitglieder anzupassen.