Bei der Linke gehen jetzt die Frauen in die Offensive: Die Dresdnerin Katja Kipping , bisher Vize-Vorsitzende der Partei, und Katharina Schwabedissen, zuletzt erfolglose Wahlkämpferin in Nordrhein-Westfalen , wollen Parteichefinnen werden. Am Mittwoch kündigten sie an, auf dem Bundesparteitag in Göttingen in anderthalb Wochen um die beiden Führungsposten kandidieren zu wollen.

Diese Idee ist aus der Not geboren. "Weil das Wünschen nicht geholfen hat", so überschrieb Kipping eine Erklärung zu ihrer Kandidatur , die sie auf ihrer Homepage veröffentlicht hat. Die 34-Jährige hatte im andauernden Personalstreit eigentlich für eine konsensuale Lösung zwischen den erbitterten Rivalen Dietmar Bartsch und Oskar Lafontaine geworben. Doch das Gebahren der Alpha-Männer hatte sie zunehmend genervt, zuletzt schon drohte Kipping indirekt mit einem "dritten Weg", bestehend aus einer weiblichen, jungen, frischen Doppelspitze. Als Lafontaine dann am Dienstag hinwarf , ging sie in die Offensive.

Seitenhieb auf die Alpha-Männer

Dabei hatte die Mutter eines sechs Monate alten Säuglings noch vor wenigen Tagen im ZEIT-ONLINE-Interview erklärt, wegen ihrer familiären Situation selbst nicht Parteivorsitzende werden zu wollen. Sie wolle für "andere Lösungen werben" – gemeint waren andere aussichtsreiche weibliche Kandidatinnen.

Das Werben hat offenbar nicht geholfen: Von allen Linken-Frauen in der Partei hat Kipping wohl die breiteste Unterstützung, die ehemalige PDS-Funktionärin, Landtags- und heutige Bundestagsabgeordnete gilt auch im westdeutschen Lager als Talent. Inhaltlich positioniert sich die Dresdnerin allerdings für ein bedingungsloses Grundeinkommen, das ist eine eher umstrittene Forderung in der Linken. Doch bereits in ihrem Aufruf zur Kandidatur betonen Kipping und ihre Mitstreiter, dass sie in vielen Dingen nicht einer Meinung seien, dies aber nicht als Blockade, sondern als Gewinn verstehen würden. Das kann man als deutliche Spitze in Richtung der Streithähne Lafontaine und Bartsch verstehen.

Für eine "nichtautoritäre Linke"

Man werde ein Team aus zwei jungen Müttern sein, dass es "ernst meint mit Arbeitsteilung", sagt Kipping nun ZEIT ONLINE. Ihre Co-Kandidatin, Katharina Schwabedissen, Jahrgang 1972 und Mutter zweier Söhne, trat 2004 der WASG bei. Als Wahlkämpferin in Nordrhein-Westfalen brachte sie die Linke zwar nur auf 2,5 Prozent der Stimmen, und in der Öffentlichkeit ist sie nicht allzu bekannt. Doch manchem in der Partei ist sie als kämpferische und frische Persönlichkeit im Gedächtnis geblieben.

"Wir fühlen uns dem Aufbruch in Richtung einer neuen, nicht-autoritären Linken verpflichtet", heißt es in dem Bewerbungsschreiben der beiden Frauen, der auch vom Bundestagsabgeordneten Jan van Aken und der Bundesgeschäftsführerin Caren Lay unterstützt wird.

Sehr demonstrativ wurde die Initiative der beiden Frauen aus dem alten Machtzentrum der Linken, dem Lafontaine-Lager, begrüßt. Wenn die Linke "überhaupt noch eine Chance haben wolle", dann sei es "an der Zeit, (...) dass sie jünger wird, dass sie weiblich wird und dass die Böcke sich vom Acker machen", sagte der Vizevorsitzende der Linke-Fraktion im Bundestag, Ulrich Maurer . Parteichef Klaus Ernst äußerte sich ähnlich. Hintergrund dürfte sein, dass das Lafontaine-Lager nun alles versuchen wird, um eine Kandidatur des Lafontaine-Rivalen Bartsch um den Parteivorsitz zu verhindern. "Es geht nicht, dass Bartsch gesiegt hat", formuliert es einer.

"Ist Maurer wirklich für eine weibliche Doppelspitze oder nur vor allem um jeden Preis gegen Dietmar Bartsch? Okay. Die Frage war rhetorisch", twitterte auch der mecklenburgische-Landesvorsitzende Steffen Bockhahn, der den gebürtigen Stralsunder Bartsch unterstützt.