ZEIT ONLINE: Herr Platzeck , gibt es eine Ost-Identität noch?

Matthias Platzeck:  1990 habe ich gesagt, die Unterschiede zwischen Ost- und West-Identität würden sich binnen fünf Jahren nivellieren. Ich dachte, wir haben unseren Goethe, unsere jahrhundertelange gemeinsame Geschichte und dieselbe Sprache. Ich habe völlig unterschätzt, wie sehr es viele prägt, in der DDR aufgewachsen zu sein.

ZEIT ONLINE: Ist diese Ost-Identität denn hilfreich?

Platzeck: Ich finde das bayerische "mir san mir" schön, oder auch das baden-württembergische "Wir können alles außer Hochdeutsch". Die Ostdeutschen haben in den vergangenen 22 Jahren Unglaubliches geleistet. Brandenburg ist beispielsweise heute das beste Bundesland bei Erneuerbaren Energien. Andere haben andere Spitzen. Daraus sollte mehr Selbstbewusstsein resultieren – wenn auch mit anderer Sprachfärbung.

ZEIT ONLINE: Aber würde das dem Zusammenwachsen von Ost und West nützen?

Platzeck: Ja, eine selbstbewusst gelebte Überzeugung, vieles richtig gemacht zu haben, würde den Ostdeutschen das Ankommen in der gesamtdeutschen Gemeinschaft erleichtern. Wenn man als kleinerer Teil in eine größere Gemeinschaft kommt, funktioniert das nur, wenn man das erhobenen Hauptes tut.

ZEIT ONLINE: Müsste es nicht das Ziel sein, Ost-West-Unterschiede – und damit mögliche Konfrontationen – zu überwinden?

Platzeck: Ich finde das nicht konfrontativ. Die Ostdeutschen sollten auf ihre seit 1990 zuerst von Einbruch, Umbruch und dann von Aufbruch geprägte Geschichte stolz sein. Es ist wichtig, dass sich das Ost-West-Verhältnis langsam entspannt. Aber man sollte sich auch sehr fröhlich zu den Unterschieden, die es nun mal gibt, bekennen.

ZEIT ONLINE: Wären die Ostdeutschen nicht selbstbewusster, wenn sie statt ihrer ostdeutschen ihre regionale Identität stärker pflegen würden, so wie es etwa Bayern oder Schwaben tun?

Platzeck: Man kann beides gut verbinden. Die Ostdeutschen teilen nun mal eine gemeinsame Lebenserfahrung. In Thüringen empfinden die Menschen deshalb ähnlich wie etwa in Mecklenburg-Vorpommern : Wir Ostdeutsche haben Großes bewegt. Und darauf kann man eine regionale Identität aufbauen.

ZEIT ONLINE: Gibt es die in Brandenburg?

Platzeck: Wir hatten ursprünglich die am schwächsten ausgeprägte Bindung in Ostdeutschland. Auf sächsischen Fußballplätzen hörte man beispielsweise schon in den achtziger Jahren " Sachsen , Sachsen"-Sprechchöre. In Brandenburg gab es das nicht, wir waren ein landsmannschaftlich nahezu völlig identitätsfreies Land. Als mein Amtsvorgänger Manfred Stolpe seinerzeit mit dem Brandenburger roten Adler am Auto herumfuhr, wurde er gefragt, was er denn mit Tirol zu tun hätte.

ZEIT ONLINE: Und heute?

Platzeck: Heute stehen die Leute auf, wenn das Brandenburg-Lied erklingt. Neun von zehn Brandenburgern sagen, sie wollen das Land mit keinem anderen mehr tauschen.

ZEIT ONLINE: Sind die Ostdeutschen leidensfähiger als die Westdeutschen?

Platzeck: Ich würde es nicht Leidensfähigkeit nennen, das Prägemerkmal ist ein anderes. Ein Beispiel: Kürzlich sagte mir ein Unternehmer, der mit der Wende den Schritt in die Selbständigkeit wagte: 'Weißt du was, Platzeck, du redest hier von den bedrohlichen Folgewirkungen der Krise 2008/2009. Uns macht das nicht mehr kirre. Wir haben hier jedes Jahr Krise gehabt.' Es ist dieses Wissen, dass alles völlig anders kommen kann als geplant, was Ostdeutsche kennzeichnet.