Der frühere Umweltminister Norbert Röttgen ist erstmals seit seiner Entlassung durch Bundeskanzlerin Merkel in Berlin aufgetreten. Der Bundespräsident entließ ihn formell aus dem Amt, nicht ohne ihn ausführlich für seine Arbeit als Minister zu loben . Röttgen übergab am Amtssitz seine Aufgaben an Nachfolger Peter Altmaier . Am Nachmittag traf sich die gesamte Unionsfraktion des Bundestages.

Dort zumindest bestand die Möglichkeit, den Rauswurf Röttgens aus dem Bundeskabinett kritisch zu diskutieren, doch niemand ergriff die Initiative, wie Teilnehmer berichten.

Die Kanzlerin verteidigte ihre Entscheidung. Sie sei sich der "politischen und menschlichen Tragweite" des Rauswurfs bewusst gewesen, sagte sie laut Teilnehmern. Sie habe aber auch auf ihre Verantwortung als Kanzlerin verwiesen. Nach den Dankesreden habe Röttgen sich erhoben, leicht verneigt. Die Abgeordneten applaudierten lange.

Der Tragweite bewusst

Im Bundestag war Röttgen unbemerkt von allen in den Fraktionssaal gelangt. Auch aus der Landesgruppe Nordrhein-Westfalen kam kein kritisches Wort. Im Landesverband in Düsseldorf – Röttgens politischer Heimat – war der Protest nach der Entlassung heftig ausgefallen. Im Berliner Fraktionssaal dagegen sei die Stimmung ruhig und gefasst gewesen, hieß es.

Ohne dass Merkel dies sagte, wird die Wahlniederlage Röttgens bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen der Anlass für den Rauswurf gewesen sein. Als Spitzenkandidat hatte Röttgen der Partei das schlechteste Resultat ihrer Geschichte beschert. In Düsseldorf bildet sich gerade eine rot-grüne Koalition.

Altmaier freundlich empfangen

In der Tat hätte Röttgen mit Forderungen in Sachen Energiewende nach der Wahlniederlage eine denkbar schwache Position gehabt. Merkel hatte sich daher entschieden, den bisherigen Unions-Fraktionsgeschäftsführer Peter Altmaier zum Umweltminister zu machen.

Merkels Vertrauter übernahm am Dienstag die Ministergeschäfte. Seine neuen Mitarbeiter hätten Altmaier freundlich empfangen, sagte ein Beteiligter. Er unterstrich in einer Ansprache, die Energiewende sei eine gesamtstaatliche Aufgabe und müsse mehr sein als der Ausgleich von Einzelinteressen. Ein Sprecher Altmaiers sagte, der neue Minister setze auf Konsens mit Wirtschaftsminister Philipp Rösler ( FDP ), der bei der Energiewende mitredet. In der Fraktion habe die Meinung vorgeherrscht, dass Altmaier mit Rösler besser klar komme als Röttgen.

Schon am Mittwoch sitzt Altmaier mit am Tisch, wenn sich die Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten der Länder trifft, um Streitfragen beim Thema Energiewende zu klären. Es geht um Netzausbau, die folgenreiche Kürzung der Solarstromförderung und die Nutzung der Kohle.

Als Nachfolger Altmaier, als Fraktionsgeschäftsführer, wurde der bisherige Justiziar Michael Grosse-Brömer ( CDU ) mit klarer Mehrheit gewählt.

Zu Gast im Bundestag war auch der frühere Bundesfinanzminister Theo Waigel . Der bescheinigte Merkel, zu Recht gegen Röttgen entschieden zu haben. Dass Minister oder Staatssekretäre gehen mussten, habe er schon oft erlebt. "Röttgen ist noch jung", sagte Waigel. "Der hat noch alle Chancen, jetzt muss er halt mal wieder vier Jahre als normaler Bundestagsabgeordneter arbeiten."