Die Sozialdemokraten haben ihr Selbstbewusstsein wieder . "Currywurst ist SPD ", prangt es in großen Lettern auf einem riesigen Plakat, das sich über die Fassade des Berliner Willy-Brandt-Hauses spannt. Es ist der Wahlkampfslogan der SPD-Spitzenkandidatin Hannelore Kraft , den die politische Konkurrenz in Nordrhein-Westfalen als Symbol einer inhaltslosen Herzerwärm-Kampagne verspottete. Doch die SPD interessiert das nicht mehr: Sie feiert sich selbst. An diesem Abend gibt es in der Berliner Parteizentrale Currywurst für alle Genossen, gratis.

Eigentlich trennt das würzige Gericht ja Berlin und Nordrhein-Westfalen: Liebhaber streiten, wo die Wurst besser schmeckt. Doch heute verbindet sie die Sozialdemokraten, steht für einen gelungenen, volksnahen Wahlkampf, für das Comeback einer kümmernden SPD und die Renaissance starker rot-grüner Mehrheiten.

39 Prozent hat Ministerpräsidentin Kraft bei der Landtagswahl geholt, das kann mithalten mit früheren Ergebnissen im sozialdemokratischen Stammland. Rot-Grün regiert weiter, diesmal aber in einer Mehrheitskoalition.

Kurz nach 18 Uhr erfüllt frenetischer Jubel das gut gefüllte Atrium des Willy-Brandt-Hauses. Die Fernsehbildschirme zeigen eine völlig überwältigte NRW-Spitzenkandidatin : "Wir haben das Richtige getan", ruft Kraft: "Wir haben den Menschen in den Mittelpunkt gestellt, auch im Wahlkampf."

Krafts Erfolg stärkt Gabriels Kurs

Die Anhänger sind zufrieden. Sie sei schon eine tolle Frau, sagt ein Genosse beim Bier. Vor allem stehe sie für eine verständnisvolle SPD, sei nicht so elitär wie Peer Steinbrück oder Frank-Walter Steinmeier . Auch Parteichef Sigmar Gabriel wird an diesem Abend nicht müde, darauf zu verweisen, dass Kraft ihren Wahlkampf so "nah beim Menschen" geführt habe. Mit Currywurst eben.

Während Steinbrück und Steinmeier für eine staatstragende Agenda-2010-SPD stehen, will Gabriel die Partei wieder mehr als Anwalt der sozial Schwachen aufstellen, gerade auch in der Europapolitik. Der Richtungsstreit in der SPD schwelt und Krafts Kümmerer-Wahlerfolg bei der als kleinen Bundestagswahl gewerteten Abstimmung in Nordrhein-Westfalen ist ein Punktsieg für Gabriel.

In einem Fernsehinterview sagt der SPD-Chef daher großzügig, Kraft wäre "natürlich" eine "denkbare Kanzlerkandidatin" – zumal er weiß, dass die Wahlsiegerin längst abgewunken hat. Also fordert der Parteichef, der sich selbst für Kanzlerkandidaten-würdig hält, sogar eine Neuwahl im Bund. Er glaube aber nicht, dass Kanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel eine ausrufen werde. Dafür klebe die schwarz-gelbe Koalition zu sehr am Sessel, sagt der SPD-Chef.