Dass ein Abgeordneter im Bundestag das Wort ergreift, ist das normalste Ding der Welt. Trotzdem wird im Plenarsaal unter der Reichstagskuppel in dieser Woche eine kleine parlamentarische Sensation passieren: In den Debatten zum Fiskalpakt und zum Euro-Rettungsschirm ESM lassen die Fraktionen zum ersten Mal auch ihre internen Kritiker freiwillig zu Wort kommen. "Wir haben uns entschieden, die auf unsere Rednerliste zu nehmen", sagt der neue Fraktionsgeschäftsführer der Union, Michael Grosse-Brömer. "Da kommt auch ein Herr Gauweiler zu Wort, wenn er möchte."

Dass er möchte, der Peter Gauweiler , dürfte außer Frage stehen. Der CSU-Mann hat schon angekündigt, dass er seiner Linie treu bleiben und auch gegen diese Euro-Beschlüsse seiner eigenen Koalition vor das Verfassungsgericht ziehen wird, allerdings nicht Seit an Seit mit der Linken, sondern mit einer eigenen Klageschrift. Darüber reden dürfen im Plenum hat er aber nie. Denn bis vor kurzem haben die Fraktionsführungen ihre Herrschaft über die Rednerlisten auch dazu benutzt, Abweichler vom Rednerpult mit dem Bundesadler fernzuhalten. Bis eines Tages Bundestagspräsident Norbert Lammert zwei Euro-Dissidenten das Wort gab – Klaus-Peter Willsch von der CDU und Frank Schäffler von der FDP konnten ihre Meinung darlegen.

Der Vorgang hat seinerzeit viel böses Blut im Parlament erzeugt; Unionsfraktionschef Volker Kauder war stinksauer über die präsidiale Eigenmächtigkeit, aber intern regten sich auch andere Parteien auf. Das Rederecht im Plenum ist nämlich ein knappes Gut. Welche Fraktion wie lange reden darf, regelt die "Berliner Stunde". Die teilt die Redezeit den Fraktionen nach den Mehrheitsverhältnissen zu und ist, weil es sonst nicht glatt auskommt, aktuell 62 Minuten lang.

Den Grünen zum Beispiel stehen davon sieben Minuten zu. Als Lammert die zwei Dissidenten außerplanmäßig reden ließ, kamen Willsch und Schäffler gemeinsam also länger zu Wort als die Öko-Partei. Wenn sich demnächst jeder melden dürfe wie er wolle, warnten damals deshalb auch Oppositionsfraktionen, dann breche das gerecht austarierte System der Redezeiten zusammen.

In der Union versuchen sie deshalb die jetzt geplante Dissidenten-Regel als erstens gar nicht so sensationell, zweitens bloß pragmatisch begründet und drittens keineswegs auf Dauer angelegt darzustellen. Man habe das durchaus schon in anderen Fällen gehabt, etwa bei Militäreinsätzen, sagt Grosse-Brömer. Das stimmt aber nicht, was der Niedersachse vielleicht nicht wissen kann, weil er ja erst ein paar Wochen im Amt ist.