"Was kann ich eigentlich außer Politik?", hat Petra Roth sich im November 2011 vor Journalisten laut gefragt. Da hatte die Oberbürgermeisterin von Frankfurt am Main gerade angekündigt, dass sie im Juni 2012 aufhören würde.

Kann die überhaupt Oberbürgermeisterin? Das fragten 1995 viele auch in ihrer eigenen CDU, als Roth auf Bitten von Helmut Kohl gegen den smarten Amtsinhaber Andreas von Schoeler (SPD) antrat. Sie galt als hoffnungslose Außenseiterin, doch mit zupackender Bürgernähe und rauem Charme gewann sie die Direktwahl, die in Hessen erst 1992 eingeführt worden war.

Politik musste Roth schon 1977 plötzlich können, als ein überraschend hoher Wahlerfolg der CDU sie mit 33 Jahren ins Frankfurter Stadtparlament spülte. Zehn Jahre später schickte die Union sie in den Wiesbadener Landtag. Aber außer Politik? Die Tochter eines Bremer Kaufmanns hat Arzthelferin gelernt und die Höhere Handelsschule absolviert. So mancher Volljurist im Landtag rümpfte da die Nase: Die hat ja nicht mal Abitur!

Populär mit urbanen Positionen

In der seit der Ära Alfred Dregger notorisch erzkonservativen Hessen-CDU gehört Roth einer Minderheit an, dem Flügel der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft. Populär wurde sie mit liberalen, urbanen Positionen. Roth setzte sich in der Stadt, in der ein Viertel der Einwohner keinen deutschen Pass hat, für die Integration von Einwanderern und für den Bau von Moscheen ein. Auch für eine moderne Drogenpolitik und in der Stadtplanung setzte sie Akzente.

Die Oberbürgermeisterin hat in der hessischen Gemeindeordnung wenig Macht; Roth regierte durch Kommunikation, im schicken Kostüm unter Bankern oder Künstlern und mit dem Apfelweinglas in der Hand auf Vereinsfesten. Zweimal wählten die Frankfurter sie wieder in den Römer, das Rathaus einer Stadt, in der es Viertel wie das Nordend mit mehr als 50 Prozent Grünen-Wählern gibt, Arbeiter- und Migrantenquartiere mit hohen Anteilen für Sozialdemokraten und Linke, aber auch ländliche Vororte und Neubaugebiete fest in CDU-Hand.

Widersprüche brechen auf

"Ich kann Menschen zusammenführen", sagt Roth über sich. Und so thronte sie über einer "Kommunalpolitischen Plattform" aus CDU und SPD, später über einem "Römerbündnis" aus vier Parteien und aktuell über der schwarz-grünen Koalition, der ersten in einer deutschen Stadt dieser Größe.

Als die dienstälteste Oberbürgermeisterin einer deutschen Großstadt ihren Abschied ein Jahr vor Ende der Amtszeit ankündigte, war das auch ein Hieb gegen den grünen Koalitionspartner, denn dem war gerade eine potenzielle OB-Kandidatin abhanden gekommen. Roths Rückzug läutet das Ende der friedlichen Koexistenz in der Apfelweinmetropole ein: Jetzt brechen Widersprüche auf, die sie gnadenlos weggelächelt hat.