Gebildet, aber abgehängt

Der Titel ist aus der Zeit gefallen. Denn der " 9. Bericht über die Lage der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland ", der am Mittwoch von der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung vorgestellt wurde, befasst sich nicht – wie der Name suggeriert – nur mit Menschen ohne deutschen Pass, sondern auch mit Deutschen, die einen Migrationshintergrund haben. "Ausländer", bei diesem Begriff schwingt außerdem immer auch ein wenig die Unterstellung mit, dass diese Menschen nicht zur Bundesrepublik gehören.

Das Gegenteil ist der Fall: 2010 lebten 15,7 Millionen Menschen mit ausländischen familiären Wurzeln in Deutschland. Mehr als die Hälfte von ihnen besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft. Menschen mit türkischem Migrationshintergrund bilden die größte Gruppe, gefolgt von Zuwanderern aus Polen und Russland . Die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland wird weiter ansteigen, auch weil sie im Schnitt deutlich jünger sind als der Rest: Bei den unter Fünfjährigen weisen laut dem Bericht inzwischen fast 35 Prozent aller Kinder einen Migrationshintergrund auf.

Weil das Wort "Ausländer" schon 2002 nicht mehr zeitgemäß war, benannte Gerhard Schröders SPD-Regierung ihre einstige "Ausländerbeauftragte" zur Beauftragten für Migration, Flüchtlinge und Integration um. Seit sieben Jahren hat die CDU-Politikerin Maria Böhmer das Amt inne. Ihr gefällt der verbliebene Name "Ausländerbericht" ebenfalls nicht, aber der sei nun mal gesetzlich festgelegt, sagte Böhmer während der Vorstellung des alle zwei Jahre neu erscheinenden Werks.

Mehr Kinder von Migranten in Kitas

Der Name ist also von gestern, die Daten, die Böhmers Mitarbeiter aus vielen verschiedenen im Zeitraum von 2010 bis 2012 entstandenen Studien zum Thema Integration zusammengetragen haben, sind es nicht. Sie sagen etwas aus über die Lebenssituation der Migranten (ob mit oder ohne deutschen Pass), zeigen Licht und Schatten auf. Problematisch ist allerdings, dass einige der zusammengetragenen Studien ebenfalls nur zwischen Menschen mit deutscher und nicht-deutscher Staatsangehörigkeit differenzieren, also keine Aufschlüsselung nach dem Migrationshintergrund vornehmen. Somit ist die Hälfte der eigentlichen Zielgruppe des Berichts oftmals gar nicht abgebildet, was eine Allgemeingültigkeit der Aussagen deutlich erschwert.

Dennoch sind Tendenzen zu erkennen. Positiv zu vermerken ist, dass sich die Bildungssituation der Migranten in den letzten Jahren deutlich verbessert hat. Immer mehr Kinder mit Migrationshintergrund besuchen ab ihrem dritten Lebensjahr eine Kita. 2011 waren es 85 Prozent, was für den Erwerb von Deutschkenntnissen im Vorschulalter wichtig ist. Allerdings bemängelt Böhmer, dass die Qualität und Beschaffenheit von Sprachtests im Vorschulalter von Bundesland zu Bundesland völlig unterschiedlich ist. Im Lagebericht wird außerdem kritisiert, dass je nach Bundesland unterschiedlich oft ein Förderbedarf bei Kleinkindern aus Familien mit ausländischen Wurzeln festgestellt werde. Sprachförderung findet nicht immer in allen Regionen eines Bundeslandes statt, auch die Förderdauer variiert. Böhmer begrüßte, dass der Bund und die Länder die diversen Maßnahmen nun auf ihre Wirksamkeit hin untersuchen wollen.

Migranten profitieren nicht von der guten Arbeitsmarktlage

In Deutschland geborene Jugendliche mit Migrationshintergrund (sogenannte Jugendliche der zweiten Generation) besuchen inzwischen signifikant häufiger die gymnasiale Oberstufe als ihre Altersgenossen ohne Migrationshintergrund. Außerdem ist der Anteil der Schüler ohne deutschen Pass, die eine (Fach)-Hochschulreife erwerben, um ein Drittel gestiegen. Allerdings erreicht bislang immer nur ein Sechstel aller ausländischen Schüler diesen höchsten Bildungsabschluss, bei deutschen Schülern ist es etwa jeder Dritte.

Ähnlich ist die Situation bei den Lehrstellen. Zwar ist der Anteil der ausländischen Jugendlichen in Ausbildung gestiegen, doch fast doppelt so viele gleichaltrige deutsche Jugendliche haben einen Ausbildungsplatz.

Vergleichbare Lücken klaffen auf dem Arbeitsmarkt. Von der guten Konjunkturlage konnten Bürger ohne deutschen Pass weniger profitieren als Deutsche. Ihre Arbeitslosenquote ist leicht gesunken, aber mit 16,9 Prozent immer noch doppelt so hoch wie die der übrigen Bevölkerung. Die Arbeitslosigkeit nimmt also bei den Deutschen schneller ab als bei den hierzulande lebenden Ausländern. Ähnlich verhält es sich bei Migranten, die einen deutschen Pass haben. "Das ist ein Punkt, der uns massiv umtreibt", sagt Böhmer zu diesen Ergebnissen. Problematisch sei auch, dass mehr als die Hälfte der Erwerbslosen mit Migrationshintergrund 2010 keinen berufsqualifizierenden Abschluss hatte, also schwer vermittelbar war.

 Das Armutsrisiko von Migranten ist doppelt so hoch

Diese Zahlen zeigen das ambivalente Ergebnis des Lageberichts: Migranten mit deutschem Pass und Ausländer arbeiten an ihren Aufstiegschancen in der Gesellschaft. Sie schicken ihre Kinder wenn es nur irgendwie geht aufs Gymnasium, auf die Universität. Sie machen sich eher selbstständig, verzichten dabei auf staatliche Hilfen, sie finanzieren ihr Studium eher als Deutsche ohne Migrationshintergrund durch eigenes Jobben.

Doch bleibt ein großer Abstand zur übrigen deutschen Bevölkerung: Noch immer haben viele Kinder mit Migrationshintergrund keinen Schulabschluss. Bislang unerforscht ist laut dem Lagebericht, inwieweit Schüler mit Migrationshintergrund unter möglichen Vorurteilen ihrer Lehrer zu leiden haben. Ausländische Kinder werden nach wie vor überdurchschnittlich häufig an Sonder- oder Förderschulen verwiesen.

Das Armutsrisiko von Migranten ist weiter doppelt so hoch (!) wie das der deutschstämmigen Bevölkerung, sie sind überdurchschnittlich oft in prestigearmen und geringer vergüteten Berufsfeldern beschäftigt. Deutsche mit Migrationshintergrund sind in den Parteien und Parlamenten weiter unterrepräsentiert. Junge, gut qualifizierte Migranten berichten von Diskriminierung bei der Job- und Wohnungssuche wegen ihres fremd klingenden Namens oder ihrer Religion.

Zustände, die sich die Einwanderungsgesellschaft Deutschland nicht leisten kann, wie auch Böhmer betont. Sie wünscht sich daher mehr "Willkommenskultur", weniger Vorurteile, mehr Gemeinsamkeit, schnellere Einbürgerung von in Deutschland lebenden gut integrierten Ausländern. Erforderlich sei ein "gesellschaftlicher Wandel" bei der Haltung gegenüber Migranten. "Menschen der dritten oder vierten Generation sollen sich nicht mehr als Migranten fühlen. Sie gehören schon längst dazu", so die Staatsministerin.