Als es endlich geschafft ist, lässt sich Hannelore Kraft , das Geburtstagskind, in einen Sessel am Rande des Cafes im Foyer des Düsseldorfer Landtags plumpsen. Um sie herum: Besuchergruppen, Landtagsmitarbeiter, hinter der Fensterfront der Rhein . Fast zwei Minuten sitzt sie ganz allein da, die alte und neue Ministerpräsidentin, beinahe unbeachtet. Sie sagt nichts und niemand will etwas von ihr. Man kann förmlich zusehen, wie die Anspannung von ihr abfällt. Ein Mitarbeiter bringt ihr einen Latte Macchiato.

Es dürfte der wohl anstrengendste Geburtstag sein, den Hannelore Kraft , seit dem heutigen Dienstag 51 Jahre alt, je hatte. Denn die komplette Nacht hindurch hat sie mit ihren SPD-Kollegen und den Spitzen der Grünen den neuen Koalitionsvertrag für Nordrhein-Westfalen ausgehandelt. 200 Seiten hat er am Ende, und ist damit doppelt so lang wie der letzte Vertrag der beiden Parteien aus dem Jahr 2010.

Ein detailversessenes Mammut-Werk ist es geworden, dass die veränderte Beziehung von SPD und Grünen zueinander zeigt: 2010 angetreten als absolute Wunschpartner, zusammengeschweißt durch den besonderen Druck, dem sie als Minderheitsregierung ausgesetzt waren, möchten sie nun am liebsten jedes Detail der kommenden fünf Jahre vertraglich festhalten, um nicht von der Gegenseite übers Ohr gehauen zu werden. Noch immer sind sie sich inhaltlich näher als allen anderen Parteien, noch immer vertrauen sie sich grundsätzlich, doch etliche kleine Konflikte in den vergangenen zwei Jahren haben auch das Misstrauen und den Wunsch nach gegenseitiger Kontrolle auf beiden Seiten wachsen lassen.

Ausgeglichener Haushalt bis 2020

"Das ist kein Formelkompromiss, sondern eine tragfähige Arbeitsgrundlage", rechtfertigt eine sichtlich erschöpfte, aber gut gelaunte Kraft die Ausführlichkeit des Dokuments auf einer Pressekonferenz am Mittag. Da laufen die Drucker noch auf Hochtouren, erst ein paar Exemplare des Vertrags sind im Umlauf, weil die beiden Parteien die ganze Nacht hindurch verhandelt haben, bis zur letzten Minute. "Bei mir hat es heute nur für Duschen und umziehen gereicht", berichtet die Ministerpräsidentin.

Vor allem haben SPD und Grüne um das Geld gerungen. Die Finanzen bestimmen die Düsseldorfer Politik, nicht erst, seit eben diese rot-grüne Minderheitsregierung im März über einen gescheiterten Haushalt stürzte. Ihre Gegner verspotteten Kraft als "Schuldenkönigin" , und selbst das Landesverfassungsgericht rügte die Regierung, weil sie zu wenig sparten.

Damit soll nun Schluss sein. Spätestens 2020 soll der Haushalt komplett ausgeglichen sein – das muss er auch, denn dann gilt die Schuldenbremse, die den Ländern grundsätzlich verbietet, weitere Kredite aufzunehmen. Außerdem will die neue Regierung bis 2017 eine Milliarde Euro strukturell einsparen. Dafür sollen etliche Förderprogramme zukünftig nicht mehr als direkte Subvention, sondern nur noch als Kredit ausgezahlt werden. Deshalb wird die Regierung Verwaltungsstandorte schließen, also beispielsweise Finanzämter zusammenlegen.

Vor allem aber hofft sie darauf, dass sich ihre Ausgaben aus der Vergangenheit schon bald auszahlen: Unter dem Label der "vorsorgenden" Politik war die Regierung im Bildungs- und Sozialbereich recht großzügig mit ihrem Geld umgegangen, nun sollen deshalb die Kosten für jugendliche Arbeitslose oder die Kriminalitätsbekämpfung sinken – und zwar bitte möglichst schnell.