Bei den Einnahmen hofft die neue Landesregierung nicht zuletzt auf den Bund. Der müsse endlich das Steuersystem so umbauen, dass auch bei Land und Kommunen wieder mehr Geld landet. Für Vermögenssteuer und Erbschaftssteuer will man deshalb in Berlin werben. In Nordrhein-Westfalen selbst soll eine neue Abgabe auf Kies die Kassen zumindest ein bisschen füllen. "Unkonkret beim Sparen, konkret beim Abkassieren", lästert FDP-Chef Christian Lindner deshalb nur wenige Minuten nach Veröffentlichung des Vertrags.

Interessant ist das Verhandlungsergebnis auch mit Blick auf die Machtverhältnisse zwischen SPD und Grünen. Am Wahlabend schon, nachdem sie um 4,5 Prozentpunkte zugelegt hatten, liefen viele Sozialdemokraten mit stolzgeschwellter Brust und Siegerlächeln durch Düsseldorf . Ihr ganzes Auftreten sandte eine Botschaft aus: Wir dominieren dieses Land jetzt wieder, wir geben wieder die Richtung vor. Von einem "Machtzuwachs" auch gegenüber den Grünen sprachen sie in den folgenden Tagen und Wochen. Beim kleinen Partner fürchteten viele die neuen, größeren Machtansprüche der Genossen.

Energiewende in zwei Häusern

Jetzt zeigt sich: Allzu viel ändert sich wohl nicht. Das beitragsfreie Kita-Jahr, dass die SPD durchdrücken wollte, gibt es nicht. Auf der anderen Seite werden bei der Polizei keine Stellen gestrichen, wie die Grünen es wollten. Nur einen größeren Umbau nehmen die Regierungsparteien vor: Das bisherige Monster-Ministerium von SPD-Mann Harry Voigtsberger, unter anderem zuständig für Wirtschaft, Verkehr, Bauen und Energie, wird aufgeteilt in zwei neue Häuser: eins für die Infrastruktur, eins für die Wirtschaft. So bekommt die gestärkte SPD einen neuen Ministerposten, und gleichzeitig wird den Grünen nichts weggenommen. Ihr Umweltminister Johannes Remmel kümmert sich weiterhin um die meisten Kernbereiche der Energiewende .

Diese Wende ist nun außerdem "Chefinnensache", wie Hannelore Kraft erklärte, bei ihr in der Staatskanzlei laufen die Fäden aus den verschiedenen Häusern zusammen. Das wird auch bitter nötig sein, gibt es zwischen den Koalitionsparteien doch noch immer sehr unterschiedliche Auffassungen darüber, wie genau im Schwerindustrieland Nordrhein-Westfalen die Umstellung auf mehr Ökologie gelingen soll. Die Industrie soll ebenso wenig darunter leiden wie die Verbraucher, stellten beide Seiten heute klar – doch kostenlos wird es den Umbau zu erneuerbaren Energien wohl kaum geben.

Vertrauen sieht anders aus

Allein 30 Seiten umfasst das Kapitel im Koalitionsvertrag zur Energiewende, und wenn Grünen-Chefin Löhrmann den Vertrag für seine "Detailschärfe" lobt, kann man das auch andersherum verstehen: Die Konflikte sind anscheinend so zahlreich und kleinteilig, dass beide Seiten es für nötig hielten, schon jetzt genau festzulegen, wer was darf und wer was soll. Dafür spricht auch, dass es zusätzlich noch etliche, nicht öffentliche Konkretisierungsvereinbarungen geben soll, die beispielsweise genau festschreiben, wann welches Haus welches Gesetz einzubringen hat. Blindes Vertrauen sieht anders aus.

Ein hochrangiger Teilnehmer beschreibt die Koalitionsverhandlungen deshalb so: "Natürlich war es weniger eine Stimmung des Aufbruchs wie 2010, sondern eher: Es kommen auch schwierige Herausforderungen, die müssen wir jetzt gemeinsam anpacken."

Dementsprechend wenig Zeit blieb für die Geburtstagsfeier der Chefin. Fünf Minuten vor Mitternacht, die Parteispitzen hatten sich gerade in kleiner Runde der Innenpolitik angenommen, kamen die Gratulanten mit Wein und Blumensträußen in den Konferenzraum. Dann haben sie gemeinsam ein Geburtstagsständchen gesungen, und um fünf Minuten nach Mitternacht waren alle wieder draußen. Es gab Wichtigeres zu tun.