Sächsische Zeitung: Die Ost-PDS ist besiegt

Was – im Jargon der Linkspartei – der Klassenfeind über zwei Jahrzehnte nicht schaffte, haben die eigenen Genossen aus dem Westen relativ rasch hinbekommen: In der linken Bundespartei ist die Ost-PDS erst mal besiegt. Die arg angefeindete Truppe überstand Hungerstreiks und sogar die antikommunistische Grundhaltung im Westen des neuen Landes. Als Medizin gegen die West-Inakzeptanz erschien die WASG wie gerufen. Doch aus der Vereinigung wurde im Wortsinne nur etwas auf dem Papier. Jetzt zeigt sich: Die neue Gemeinschaft aus SPD-Flüchtlingen, Gewerkschaftern, Alt-Kommunisten, Sektierern und linken Spinnern ist im Bündnis mit den Ost-Orthodoxen dabei, die Linkspartei zu übernehmen. Sie liefern zwar keine nachhaltigen Ergebnisse, haben aber bessere Trillerpfeifen und eine höhere Lautstärke.

Münchner Merkur:Hier sitzt zusammen, was nicht zusammenpasst

Ost und West stehen sich ausgerechnet in der Alle-Menschen-sind-Brüder-Partei tief verfeindet gegenüber. Dass die Niederlage des ostdeutschen Reformers Dietmar Barsch von der Gegenseite spontan mit der "Internationale" gefeiert wurde, sagt alles über die Stimmung in der Linken. Hier sitzt zusammen, was nicht zusammenpasst: alte SED-Kader, junge Ost-Reformer, westliche Hardliner, unzufriedene Gewerkschafter, SPD-Überläufer, Idealisten, Träumer, Radikale.

Stuttgarter Zeitung:Auf den neuen Bundeschefs lasten Hypotheken

Nicht nur politische Großwetterlage bleibt für die Partei schwierig. Im Binnenverhältnis sind die Gräben noch tiefer geworden. Mit ihrer Frische haben Katja Kipping und Bernd Riexinger natürlich die Chance, der Operation Brückenbau Auftrieb zu verleihen. Aber unbelastet sind beide nicht. Bernd Riexinger muss den Verdacht abschütteln, eine Marionette Lafontaines zu sein, während Katja Kipping mit dem Vorwurf leben muss, mit ihrer Kandidatur den Durchmarsch der Lafontainisten und die Niederlage von Bartsch zu verantworten. Das sind schwere Hypotheken. Die beiden Neuen treten einen schweren Job an. Die Risikozone, in der ein Mechanismus der Selbstzerstörung einsetzen könnte, hat die Linke noch nicht hinter sich.

Der Tagesspiegel : Gesamtdeutsche Linke hat es nie gegeben

Fakt ist, dass es die gesamtdeutsche Linke auch in friedlicheren Phasen nie gegeben hat. Im Osten ist sie die Partei der Einheitsverlierer, die gestalten will. Im Westen die der Radikalgewerkschafter und Sektierer, die sich im Fundamentalwiderstand gefallen. Der Spalt war nur übertüncht - auch unter den Parteichefs Lothar Bisky und Lafontaine. Die Wählerklientel passt so wenig zusammen wie das Politpersonal. Nicht zufällig entlädt sich das Ganze zu einem Zeitpunkt, wo offenbar wird, dass es politisch für die Linke nicht vorangeht. Nicht einmal von der sich beharrlich öffnenden Schere zwischen Arm und Reich kann sie profitieren, weder Bankenkrise noch Mindestlohndebatte bringen ihr Gewinn. Die SPD kann sich zurücklehnen. Die erstarkten Radikalen werden sich weiter verkapseln.

Leipziger Volkszeitung:Besser, man trennte sich

Bei der Linken heißt der Neuanfang seit Göttingen "Dritter Weg". Das Problem der Partei ist, sie wusste bisher schon nicht, wohin man gemeinsam gehen sollte. Nun ist die Sache endgültig zum Irrgarten geworden. Mit Tränen in den Augen haben ostdeutsche Parteigenossen Gysis Bilanz des Scheiterns gehört. Man hat nicht den Eindruck, dass Lafontaines Fundamentalisten das verstanden haben, geschweige denn, dass sie sich davon abhalten lassen, die Linke als ihren Sandkasten zu betrachten, solange noch etwas zum spielen da ist. "Ihr habt den Krieg verloren", grölten einige Parteimitglieder nach der Wahlschlappe des ostdeutschen Reformer-Kandidaten Dietmar Bartsch. Die Sänger blieben anonym. Die Grube ist gegraben. Gregor Gysi hat die Lösung beschrieben: Dann wäre es besser, sich zu trennen.

Frankfurter Rundschau : Die Sprache der Gegenwart nicht gefunden

Die Linkspartei benennt die richtigen Themen, aber sie hat die Sprache des 21. Jahrhunderts nicht gefunden. Die Streitenden ähneln einander frappierend in ihrem Bezug auf Denkfiguren der alten Arbeiterbewegung. Alle – die einen sozialisiert in Gewerkschaftsversammlungen, andere aufgewachsen in der DDR – sind geprägt von Bildern und Worten, die den Geist des frühen 20. Jahrhunderts atmen.

Süddeutsche Zeitung : Gleich zwei Parteien, die nicht regieren wollen

Das paradoxe Ergebnis von Göttingen lautet mithin auch, dass der Ostteil, der nach Lage der Dinge 2013 entscheidend für den Wiedereinzug in den Bundestag sorgen dürfte, im Gesamtbild der Führung zumindest qualitativ an Bedeutung verloren hat. Lafontaines Truppen bleiben stark, wenn auch nicht dominant. Für den nächsten Bundestag könnte das bedeuten, dass gleich zwei Parteien, Linke und Piraten, dabei sind, die nicht regieren wollen oder können oder beides.