Nach der deutschen Wiedervereinigung hat die West-SPD eine historische Chance verpasst. Sie brach damals die Verhandlungen mit Reformern in der SED über einen Massenüberritt ab. Seither galt für anderthalb Jahrzehnte: Menschen mit SED-Vergangenheit hatten in der SPD nichts zu suchen.

Dabei waren die Gespräche schon weit gediehen. Angeführt wurden sie unter anderem von Egon Bahr auf Seiten der West-Genossen und vom damaligen Dresdner Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer, dem prominentesten "Sozialdemokraten" in der ehemaligen DDR-Staatspartei. Und die Gespräche waren berechtigt: 1946 hatten die Kommunisten in der Sowjetischen Besatzungszone die Zwangsvereinigung der Ost-SPD mit der KPD zur SED rüde durchgedrückt. Wer sich sträubte, wurde eingesperrt oder mundtot gemacht. Nach der Wende sollte also, wie es der SPD-Ehrenvorsitzende Willy Brandt damals formulierte, auch auf Parteiebene wieder zusammenwachsen, was zusammengehörte.

Doch prominente Mitglieder der neuformierten Ost-SPD stellten sich quer. Sie, die in der DDR vielfach selbst verfolgt worden waren, wollten mit Mitgliedern und Funktionären der alten kommunistischen Staatspartei nichts zu tun haben. Die CDU dagegen verleibte sich ohne Skrupel die sogenannten Blockflöten von der Ost-CDU und der Bauernpartei ein, so wie die FDP die Ost-"Liberalen" der LDPD und selbst die einst als Altnaziverein gegründete NDPD. Sie übernahmen Hunderttausende Mitglieder, umfangreiche Parteivermögen und funktionierende Parteiapparate. Und das, obwohl diese Blockparteien in der "Nationalen Front" gemeinsam mit der SED die DDR-Diktatur errichtet und fast bis zum Schluss verteidigt hatten.

Im Osten führt die SPD ein Kümmerdasein

Der SPD aber verbaute der damalige CDU-Kanzler Helmut Kohl als kühler Machtstratege mit seiner Roten-Socken-Kampagne den Weg zu Wiedervereinigung mit den Sozialdemokraten aus der SED. Die Führung der West-SPD, bedrängt auch von den Bürgerrechtlern in den neuen Ländern, gab sich geschlagen.

Im Osten führt die SPD seitdem weitgehend ein Kümmerdasein. Anders als die ehemalige PDS verfügt sie nur über wenige tausend Mitglieder und über keine wirklich funktionierende Parteiorganisation. Bei Wahlen landet sie – außer in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern – oft sogar hinter der Linkspartei auf Platz drei.

Die aktuelle Krise der Linkspartei stellt für die SPD insofern eine zweite historische Chance dar. Und die SPD scheint daran interessiert zu sein, sie zu nutzen. Einen Tag nach dem Göttinger Parteitag der Linken forderte SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles Dietmar Bartsch und andere, vornehmlich ostdeutsche, Realpolitiker auf, den Sozialdemokraten beizutreten. Nach der Niederlage gegen die von Ex-Parteichef Oskar Lafontaine angeführten linkssektiererischen Westgenossen fühlen die sich in ihrer Partei ohnehin nicht mehr allzu wohl.